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ARMUT

Wer mit offenen Augen durch Indien reist, der wird überall mit starken Kontrasten konfrontiert – für manchen ist dies durchaus eine echte Belastung. Alt und neu, arm und reich, Bauer und Städter, Emanzipation und Diskriminierung, Tradition und Moderne, Müll und Luxus, Religion und Kommerz liegen hier dicht beieinander. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, an der Armut kommt man jedoch bei einer Indienreise einfach nicht vorbei. Sie ist allgegenwärtig sichtbar, ob auf dem Land oder besonders krass auch in den Metropolen.

Viele Bilder zum Thema für diese Seite habe ich nicht gefunden, weil ich nicht gezielt die Armut fotografiert habe. Nur ein paar Schnappschüsse, meist aus dem fahrenden Auto heraus fotografiert, zeigten später oft ärmliche Szenen.

Erzählt man von der bevorstehenden Indienreise, wird dies im Kopf des Gegenübers immer noch in erster Linie mit dem Begriff Armut assoziiert. Wer Indienbilder im Kopf hat, der sieht auch Bettler und Menschen, die auf der Straße leben. Bilder, die sich aufdrängen, sind die überquellenden Slums in den Großstädten und auf den Bürgersteigen schlafende Elendsgestalten. Bekannt durch die Medien wurde die unermüdliche Arbeit einiger humanitärer Organisationen in diesen Elendsvierteln, wie die der kleinen Schwestern von Kolkata (ehemals Kalkutta) mit der Lichtgestalt der Mutter Theresa an ihrer Spitze.

Oder durch engagierte und eindrückliche Filme wie "Born into brothels", der 2005 Oscar-prämierte Dokumentarfilm über eine Gruppe von Kindern im Elendsviertel von Kolkata. Mit Hilfe der Kamera und der amerikanischen Fotografin Zana Briski dokumentieren die Mädchen und Jungen, Kinder von Huren, ihr Leben in der Metropole. Der Film zeigt das Rotlichtmilieu Sonagachi ungeschönt aus der Perspektive der Kinder. Gerade Kolkata bietet bei Dokumentationen immer den passenden Hintergrund für Elend und Armut, das prägt natürlich auch das gesamte Indienbild. "Ein Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte" - dies sind die Worte, mit denen Günter Grass eine der meistbevölkerten Metropolen der Welt beschrieb.

Dennoch ist nicht ganz Indien wie Kolkata, wenn es auch richtig ist, daß extreme Armut in Indien immer noch ein Massenphänomen ist. Besonders arme Regionen, in denen der Reisende mit schokierenden Alltagsszenen konfrontiert wird, sind das Zentrum und der Osten des Landes. Dort befinden sich die Staaten Bihar, Orissa, Uttar Pradesh und Madhya Pradesh, sie sind wechselnd betroffen von Dürre oder Monsunüberschwemmungen und hier kämpfen vor allem Kleinbauern ums Überleben. Der Westen und vor allem der Nordwesten sind im Gegensatz dazu reichere Regionen, auch wenn es hier ebanso Dürren und Armut gibt.

Die indische Bevölkerung hat heute die Milliardengrenze überschritten und auch die Menschendichte ist extrem groß. Selbst die karge Thar-Wüste im Nordwesten gehört zu den am dichtesten besiedelten Wüsten der Erde. Geschätzte 25% der Gesamtbevölkerung leben in Armut, die meisten davon in auf dem Land. Damit ist Indien neben Schwarzafrika die Hauptarmutsregion der Erde. Vor allem die selbständigen Kleinbauern mit ihrem Mini-Landbesitz, durch Parzellierung und Landreformen erzeugt, haben kaum Zugang zu Wasser und Dünger. Die von Grundbesitzern abhängigen, landlosen Landarbeiter sind die Ärmsten der Armen.

Das starke Bevölkerungswachstum wird oft als größtes Problem für die wirtschaftliche Entwicklung angesehen, doch anders als in China mischt sich der Staat hier nicht mit einer Ein-Kind-Politik ein. Schon eine Aufwertung der indischen Frauen würde helfen, denn in Indien müsste der Statt dringend verhindern, daß so viele Mädchen ermordet werden. Ein Mädchen kommt ihrer Familie teuer zu stehen, weil sie zum Heiraten eine - verbotene, aber übliche - Mitgift braucht. Bei reichen Familien werden sie schon vor der Geburt abgetrieben, seit es die teure Möglichkeit der Fruchtwasseruntersuchung gibt. Bei den Armen werden sie nach der Geburt getötet oder sie werden später dann von der Schwiegerfamilie ermordet, damit diese ihren Sohn noch einmal verheiraten kann und so eine erneute Mitgift kassiert. Die Morde lassen sich nicht im Einzelnen nachweisen, aber Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache. Hier einzugreifen wäre erste Pflicht des Staates, der es aber stillschweigend duldet, weil es ja vordergründig auch die Statistik über das Bevölkerungswachstum verschönt. In manchen Regionen ist das Verhältnis von geborenen Jungen zu Mädchen inzwischen auf 10:8 gesunken. Näheres dazu bei wikipedia und bei der Welt.

Die viel beschworene wirtschaftliche Entwicklung und eine Steigerung der Produktion sind zwar vorhanden, aber die Anzahl der Konsumenten wächst noch viel schneller. In Indien stellen Kinder eben die einzige Altersvorsorge dar und deshalb gibt es auch diesen Zwang zur Großfamilie. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Kinder in die Welt gesetzt werden, vorzugsweise Söhne, die das Haus nicht verlassen und Schwiegertöchter mit guter Mitgift in die Familie bringen, um so mehr leben noch, wenn später die alten Eltern versogrt werden müssen.


Kinderarbeit

Die Kinderarbeit ist in Indien kein Tabuthema und fast täglich berichtet die indische Presse über die Ausmaße wirtschaftlicher Ausbeutung von Kindern. Auch in Deutschland kocht das Thema immer wieder hoch. Sei es wegen durch Kinderhand geknüpfter Teppiche, mit Pailetten bestickte Blusen für den Versandhandel oder Kölner Straßenbeläge, die aus Steinbrüchen in Rajasthan stammen. Dort werden die Steine je nach Typ oft von Kinderhand in die richtige Form geklopft und landen dann auf unseren Gassen und Plätzen. Oder die Minderjähreigen sitzen zusammengepfercht in Verschlägen und besticken 14 Stunden am Tag Blusen mit Glitzer, damit diese für unsere "Geiz ist Geil" Gesellschaft günstig verkauft werden können.

Es gibt zwar ein offizielles Verbot von Kinderarbeit, den Child Labour Prohibition and Regulation Act von 1986. Doch die Liste der Verstöße ist lang und das Gesetz wird eher halbherzig durchgesetzt. Kinder, allen voran die "wertlosen" Mädchen, werden immer noch als Prostituierte verschleppt, sammeln Müll und Kuhdung, verdingen sich als billige Haushaltshilfe oder arbeiten in den Fabriken unter recht katastrophalen Arbeitsbedingungen. Oft bis zu 14 Stunden täglich in einer sehr gesundheitsschädlichen Umgebung. All das nur, um einen minimalen Lohn nach Hause zu bringen oder die Schulden der Eltern abzuarbeiten.

Armut gilt als Hauptursache für Kinderarbeit und ist gleichzeitig ist sie eine ihrer Folgen. Großgrundbesitzern können nicht mehr so einfach verschuldeten Bauern ihr Land wegzunehmen. So geraten deren Kinder dann in Schuldknechtschaft, was die Chancen auf ein späteres geregeltes Einkommen vernichtet. Dies betrifft vor allem die Dalit (wie sich die ehemals "Unberührbaren" heute selbst nennen), die Adivasi und Angehörige der niederen Kasten.

Später kann ein Kind dann auch nicht für seine alten Eltern allein aufzukommen, also müssen noch mehr Kinder her, die mitarbeiten und den Lebensabend sichern. Die Armut zwingt die Eltern dann dazu, immer wieder Kinder gegen eine kleine Kreditsumme zu entleihen. Von dem Zeitpunkt an sind die Kinder das Sicherheitspfand für das entliehene Geld, da die Eltern aber meist nicht mal die Zinsen für die entliehene Summe zahlen können, werden die kleinen Arbeiter dann an andere "Eigentümer" weiter verkauft. Es gibt zwar Gesetzte dagegen, aber die Praxis sieht anders aus.

Daher ist es enorm wichtig, dass es Männer wie Muhammad Yunus und seine Grameen Bank gibt, die Mikrokredite an Bauern vergeben und so den Teufelskreis aus Wucherzinsen, Pfändung und Armut durchbrechen. Dafür gab es 2006 den Friedensnobelpreis.

Die wenigsten arbeitenden Kinder finden noch Zeit für die Schule, auch wenn diese für Mädchen sogar umsonst ist und es dort wenigstens eine warme Mahlzeit gibt. Meist haben die Eltern auch wenig Veranlassung ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil sie keinen direkten Nutzen erkennen können und selbst über keinerlei Bildung verfügen. Rund 48% aller Inder über 5 Jahre können weder lesen noch schreiben und man schätzt, dass es rund 70-80 Millionen Kinderarbeiter gibt, die höchste Kinderarbeitsquote der Welt. Tendenz leider eher steigend...



Video zum Thema

Listen to Indias celebrated superstar Amitabh Bachchan.

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