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GESCHICHTE

Das Shekhawati ist eine Region im Städtedreieck Delhi - Bikaner - Jaipur, durch die eher wenige Touristen reisen. Es gibt hier drei Distrikte namens Churu, Jhunjhunu und Sikar. Die Strassen sind staubig, die öffentlichen Verkehrsmittel meist überfüllt und die touristische Infrastruktur beschränkt sich auf wenige Orte. Hier reist man am besten mit einem eigenen Fahrer, für Erstbesucher die für ganz Rajasthan nur wenige Tage Zeit haben ist die Region nicht zu empfehlen, denn sie bietet zu wenige Highlights. Wer aber Zeit mitbringt, den erwartet hier viel Ursprüngliches, aber leider auch Verfall. Und hat manches hier eher deprimiert.

Seinen Namen verdankt das Shekhawati dem früheren Herrsche namens Rao Shekha, der, wie die Maharajas von Jaipur, dem Clan der Kachhawah angehörte und im 15. Jahrhundert hier regierte. Shekhawati heisst übersetzt einfach "Garten des Shekha".

Die Region ist sehr trocken, trotzdem ist hier alles sehr dicht besiedelt. An einem Garten erinnert beim Anblick der staubigen Felder nicht viel. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich hier etliche kleine, von Jaipur abhängige Fürstentümer, deren Paläste heute zum Teil in reizvolle Hotels umgebaut wurden. In dreien davon haben wir auf unserer Rundreise gewohnt: im Mandawa Castle, im Alsisar Mahal und im Surajgarh Fort.

Da das Gebiet an den grossen, aus dem Nordwesten kommenden Karawanenrouten gelegen war, konzentrierte sich hier im Shekhawati seit früher Zeit der Handel. Hier verlief die alte Seidenstrasse und die Waren aus Lahore und Peshawar, beides heute in Pakistan gelegen, wurden hier ebenso umgeschlagen wie zahlreiche Güter auf dem Weg von den Hafenstästen der Fürstentümer Sind und Gujarat nach Delhi. Denn der Weg durch das Shekhawati war für die Karawanen zwar ein Umweg, aber trotzdem günstig, weil die benachbarten Fürstentümer von Bikaner und Jaipur viel höhere Zölle für den Transit verlangten, um so ihre Staatskassen zu füllen. Denn der Prunk und Protz der Fürsten dort musste schließlich auch bezahlt werden.

Im Shekawati hingegen wurden die Händler schnell reich und bauten ihre prächtigen Häuser. Die meisten der heute noch erhaltenen Havelis stammen erst aus dem 18. Jahrhundert, als die Kaufleute begannen, ihren Reichtum durch künstlerische Ausgestaltung nach Außen hin zu dokumentieren. Dabei stellten sie ihren persönlichen Geschmack ganz unverblümt zur Schau, genau dies macht den besonderen Reiz der Gestaltung aus. Die ersten Havelis, die im 18. Jahrhundert noch aus Lehm erbaut wurden, sind heute längst verfallen.

Etwa ein Jahrhundert wuchs und gedieh der Wohlstand durch Handel. Aus der häufigen Abbildung britischer Offiziere und Truppen an den Wänden kann man auf ein recht gutes Verhältnis zu den Besatzern schließen, aber auch Darstellungen der Portugiesen aus Goa sind zu finden. Die Kaufleute machten keinen Hehl daraus, dass sie Nutznießer der Fremdherrschaft waren, die militärisch ihre wichtigste Einkommensquelle, die Handelwege, schützte. Doch als die Briten durch den Ausbau der Häfen Bombay und Calcutta neue Zentren für den Handel schufen funktionierte das System nicht mehr. Nun zogen weniger Karawanen durch das Land, doch die cleveren Kaufleute aus dem Shekhawati erkannten schnell die sich für sie ergebenden Chancen und verlagerten ihre Geschäftshäuser in die aufblühenden Handelsmetropolen. Das dort verdiente Geld floss zurück in die alte Heimat, wo die Großfamilien zurück geblieben waren. Die Havelis blieben also in Familienbesitz und zeigten den sozialen Status der Besitzer. Heute werden sie für Hochzeiten oder Familientreffen noch verwendet, verfielen aber zusehends und sind oft nur noch von Wächtern und ihren Familien bewohnt.


Die Havelis

Es gibt zahlreiche kleine Städtchen mit wunderschön bemalten Häusern, den so genannten Havelis. Der Ursprung des Namens geht auf das persische Wort für "umschlossener Raum" zurück. Zahlreiche Abbildungen befinden sich außen an den Hauswänden und sind bei einem Spaziergang durch den Ort auch ohne Führer wie in einer Art Open Art Gallery zu entdecken. Besonders schöne und viele Malereien findet man nach den Angaben verschiedener Reiseführer in den Orten Mandawa, Sikar, Nawalgarh, Dundlod, Lachmangarh und Fatehpur. An den Hauswänden waren meist Künstler aus der Region am Werk, die nach Vorlage malten. Oft musste da eine grobe Bildvorlage für viele Darstellungen reichen, da die Leute aus dem Dorf noch nie einen Euröpäer oder ein Auto gesehen hatten, dies aber malen sollten. So entstanden teilweise skurile Details. Für die Bemalung der Innenräume holten sich die Besitzer dann oft talentiertere und teurere Künstler, die auch an den Fürstenhöfen malten.

In viele Häuser kommt man jedoch nicht herein, weil sie bewohnt sind oder sich in Privatbesitz befinden. Manchmal reicht eine höfliche Nachfrage oder ein kleines Trinkgeld für den Wächter, und man darf wenigstens den ersten Innenhof und das Empfangszimmer besichtigen. Oft bleibt nur der Blick an die Außenwand.

Ein Haveli ist nicht nur einfach ein Wohnhaus für eine Großfamilie und ihre Bediensteten, sondern es diente auch gleichzeitig als Warenlager und als Schutz vor Überfällen, ähnlich wie eine Karawanserei. So findet man immer trutzige Mauern mit kleinen Fenstern und Malereien im Außenbereich und ein großes, gut verschließbares hohes Tor aus Messing oder Holz. Hier passten auch hoch beladene Kamele durch, die dann im vorderen Hof lagern konnten. Am Eingangsbereich findet man meist auch den besonders prachtvoll ausgeschmückten Empfangsraum des Hausherrn namens Baithak, eine gegenüber dem Hof etwas höher gelegte Terrasse und Säulenhalle, mit einem Seitenflägel des Hauses überbaut. Hier empfing der Kaufmann seine Gäste und Handelspartner, es gab rund um den Hof aber auch die Quartiere für Männer und Lagerräume.

Dieser erste Hof ist meist von mehrstöckigen Gebäudeflügeln umgeben, dahinter befinden sich dann weitere Höfe, die durch eher kleine Türen erreichbar sind. Meist sind es drei Höfe, in besonders prächtigen Häusern auch mal vier. Dort spielt sich das häusliche Leben ab, die Frauen und Kinder konnten nur durch ein kleines Fenster der Verbindungswand oder über eine Galerie zwischen den Höfen einen Blick auf das öffentliche Geschehen im vorderen Hof werfen. Da ging es ihnen nicht besser als den hochgestellten Damen in den Palästen. In den Obergeschossen wohnt das Familienoberhaupt mit seiner meist sehr großen Familie.


Verfall

Die Region Shekhawati ist sehr interessant und es gibt auch eine ganze Menge zu entdecken. Ein Rundgang durch die Orte gleicht einem Bilderbuch, stimmte uns aber meist auch ein wenig traurig. Denn überall sieht man den Verfall der einstigen Pracht. An den Außenfassaden verlieren die Farben durch Sonne und Witterung schnell an Kraft. Dazu kommen Umbauten, neuer Putz als hässliche Flecken und vor allem zahlreiche Werbe- und Wahlplakate die völlig sinnfrei über die Gemälde geklebt werden. Das tut weh wenn man hinguckt.

Dazu kommt, dass die meisten Havelis heute gar nicht mehr von den Großfamilien bewohnt sind und nur noch für Feierlichkeiten oder Urlaube genutzt werden. Während der Abwesenheit wohnen Wächter in den Gebäuden und machen mit Touristen ein gutes Geschäft. Wenn man fragt wird man manschmal auch eingelassen und darf sogar fotografieren. Natürlich wird dafür auch ein Trinkgeld verlangt. So kamen wir in Alsisar in den Genuss einer wunderbaren Wandmalerei, deren Farben im Inneren noch leuchteten wie am ersten Tag. Ein paar Fotos kosteten uns dann aber auch 50 Rupien.

Den zahlreichen Kleinoden, auch wenn sie teilweise nicht besonders künstlerisch wertvoll sind wie die der Paläste, droht die Zerstörung. Nur die Eigentümer haben es in der Hand, ihren Besitz vor dem Verfall zu retten. An vielen Orten werden besonders erotische Bilder auch heute noch von prüden Zeitgenossen und religiösen Fanatikern zensiert. Man schmiert dann einfach Farbe über die anstössigen Szenen oder rückt ihnen gleich mit Hammer und Meißel zu Leibe. Obwohl so viel zerstört wurde, streift in den Orten immer noch fast jeder Blick ein kleines Kunstwerk.



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