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KARNI MATA TEMPEL

Deshnok oder auch Deshnoke ist ein kleines Dorf, ca. 32 km südlich von Bikaner gelegen. Eigentlich würde kein Tourist hierher kommen, wäre da nicht ein berühmter und bekannter Tempel, der einzige seiner Art, der wegen seiner Absonderlichkeit schon weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt wurde. Die einen wenden sich mit Grauen und wollen ihn auf gar keinen Fall besuchen, die anderen sind fasziniert. Wir gehören zur letzten Gruppe und können nur zu einem Besuch raten, auch wenn man sich schon ein wenig überwinden muss. Das heilige Deshnok wurde gegründet, indem man vor über 390 Jahren die Ecken von zehn aneinander grenzenden Parzellen der in der Nähe liegenden Dörfer zu einem neuen, freien Grundstück zusammenlegte.

Die größte Attraktion in der Region ist der Tempel von Shri Karni Mata, zu dem Menschen von Nah und Fern pilgern, um zu Opfern und zu Beten. Während des ganzen Jahres strömen die Gläubigen zu dem kleinen Ort, denn nicht nur in Rajasthan, sondern auch in den angrenzenden Staaten wie Gujarat, Madhya Pradesh und Haryana wird die historische Gestalt Karniji als Gottheit verehrt.

Ein Besuch im Tempel ist schon ein besonderes Erlebnis. Der kleine, staubige Ort ist schnell durchquert und schon parkt man vor dem Tempel. Der Einritt ist frei, nur für die Kamera zahlt man einen Obolus, der sich aber schnell lohnt. Denn Fotomotive gibt es hier genug. Die Fassade ist prächtig, aus weißem Marmor mit zahlreichen Darstellungen von Göttern, Bäumen und Ratten. Besonders schön ist die silberne Eingangstür, eine Spende des Maharaja Ganga Singh (1898-1943).

Im Tempel selbst herrscht ein buntes Treiben, hier zieht man zwar am Eingang die Schuhe aus, darf aber die Socken anbehalten. Das haben wir auch gemacht, denn der Boden ist stellenweise schmutzig und klebrig vom Rattenfutter und sicher liegt überall auch etwas Rattenkot. Für den Besuch haben wir sogar extra ein paar alte Socken mitgenommen, die wir dann beim Verlassen vor der Türe direkt entsorgt haben. Allzu mutig wollten wir dann doch nicht sein.

Die Gläubigen verbeugen sich beim Eintritt vor der Göttin und gelangen durch einen schmalen Gang in das Innere des Heiligtums. Lederteile werden vorher abgegeben. Das Allerheiligste darf nur von Hindus betreten werden. Es waren nur sehr wenige westliche Touristen im Tempel anwesend, es hätte uns auch niemand aufgehalten, wenn wir das Innere betreten hätten. Aber aus Respekt haben wir uns außerhalb im Vorhof aufgehalten, dort gab es auch genug zu sehen.

Trotz der Fotoerlaubnis sollte man hier sehr dezent beim Fotografieren von anderen Menschen sein. Wir beobachteten viele Besucher in gedrückter Stimmung und junge Paare, wo Frau und Mann gemeinsam aus einem Krug den Ratten Milch spendeten. Auch für uns ungläubige Ausländer war der dahinter stehende unerfüllte Kinderwunsch oder eine ähnliche familiäre Notlage leicht ersichtlich. Unser Fahrer bestätigte uns später, das hierher viele Menschen kommen würden, die Kraft und Beistand bei der Bewältigung eines schlimmen Schicksals erbitten wollten, "people with very strong problems"".


Die Heilige

Karniji war eine Chandri und wurde im Jahr 1387 in einem Dorf in der Nähe von Phalodi im Süden geboren. Später zog sie mit ihrer Familie dann nach Deshnok. 1401 heiratete sie ihren Mann Depaji. Da sie über magische Kräfte verfügte war sie schnell in der Region bekannt und der Gründer von Bikaner schmiedete eine Allianz mit ihr. Da sein Schicksal mit viel Glück gesegnet war, bekam sie nominellen Götterstatus verliehen und wurde schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt. Die Göttin der Kraft ist Durga und Karni Mata war die Inkarnation von Durga. Bis heute trägt Bikaners Flagge die Farben von Karniji und sie ist auch die Schutzgöttin des weltberühmten Kamelkorps Ganga Rissala.

Die Legende erzählt, dass eines Tages ein verstorbener Junge zu der Mystikerin gebracht wurde, um ihn wieder ins Leben zurück zu rufen. In Trance traf sie auf den Todesgott Yama, von dem sie die Seele des Jungen forderte. Doch dieser behauptete, der Junge sei bereits wiedergeboren worden. Er habe keine Macht mehr über die Seele. Voller Zorn schwor Karni, dass Yama nie wieder Macht über Verstorbene ihres Volkes bekommen sollte. Nach dem Tod sollten alle Seelen sofort in Ratten einfahren und so später wiedergeboren werden. Als Folge dieses Fluchs müssen natürlich alle Ratten geschützt werden, denn sie tragen die Seelen der Verstorbenen. Die Ratten haben auch noch eine andere symbolische Bedeutung, denn sie sind das Begleittier vom elefantenköpfigen Glücksgott Ganesha, dem Sohn der Durga, der durch ihre Anwesenheit ebenfalls gegenwärtig ist.

Wer mehr über die Person Karni Mata und ihre Wunder erfahren möchte, der besucht am besten die Webseite www.karnimata.com.


Unter Ratten

Die Ratten hier im Tempel haben es gut, sie sind immer satt und somit auch nicht gefährlich. Die Art wird hier im örtlichen Jargon Kaba genannt, das ist Marwari für "kleine Kinder". In riesigen Schüsseln wird Futter gekocht, sieht aus wie die Töpfe, in denen in Karikaturen die Missionare gekocht wurden. Überall liegt von den Ratten verstreutes Futter auch auf dem Boden herum und die niedlichen, braunen Nager laufen in allen Altersklassen dazwischen umher. Durch unzählige Löcher kommen sie aus ihren unterirdischen Verliesen, überall kreucht und fleucht es quer durch den ganzen Tempel. Sie spielen und raufen, liegen oft in einem großen Haufen übereinander in den Ecken oder klettern auf den Absperrgittern herum. Am Anfang, beim Eintreten in den Hof, sieht man erst mal nur ein paar. Aber je länger man herumgeht und schaut, um so mehr sich die Augen an das Schummerlicht unter den Dächern gewöhnen, um so mehr funkelnde Äugelchen und haarige Schwänze entdeckt man.

Von flachen silbernen Tabletts trinken die Ratten Wasser und Milch, die Gläubige unter verschiedenen Ritualen spenden. Gelbes Futter liegt überall herum und klebt herrlich unter den Socken. Sogar vor Raubvögeln schützt man die Nager, denn der Tempelhof ist von oben mit einem Netz gegen die himmlische Gefahr gesichert. Den Ratten von Deshnok konnte nicht einmal die Pest etwas anhaben. Als in den 90er Jahren in Surat im Staat Gujarat diese Krankheit erneut ausbrach, die bekanntlich besonders von Ratten übertragen wird, kamen die Leute hierher in den Tempel und tranken Wasser und Milch der Ratten als Medizin. (schließlich wird die Pest auch von den Rattenflöhen auf den Menschen übertragen, nicht von den Ratten und auch nicht vom Schmutz an sich)

Es gibt natürlich eine Menge Verhaltensregeln und Aberglauben. Wer eine Ratte verletzt, tötet, oder auch nur versehentlich auf ein Tier tritt, der muss sich die Wiedergutmachung erkaufen, indem er dem Tempel eine Ratte aus Silber oder gar aus Gold stiftet.

Als besonderes Privileg gilt es, wenn eine Ratte über die Füße rennt. Wenn eine weiße Ratte vorbeihuscht, werfen sich alle Gläubigen zu Boden, denn sie gilt als besonders glücksbringend. Leider haben wir keine gesehen und auch unsere Füße hat höchstens mal ein Schwänzchen berührt oder ein Nager hat an unseren Zehen geschnuppert. Aber die haben ihm nicht gefallen. Wenn man zu nah an einer Wand oder Mauer stehet, kann einem durchaus schon mal eine Ratte anspringen. Scheu sind die Tiere hier auf keinen Fall.

Besonders glücksbringend soll es sein, das Prasad, die gesegnete Nahrung aus dem Hauptschrein zu essen, nachdem eine Kaba daran genagt hat. Aber spätestens an dieser Stelle hört für ungläubige Europäer der Spaß auf. Die Gläubigen allerdings vertrauen der göttlichen Macht und nehmen die Süßigkeiten, Getreidekörner und vor allem die Milch und das Wasser der Ratten als wundertätige Heilmittel zu sich. Die Glaubenskraft verdunkelt den Verstand. Wir haben hier auch sehr darauf geachtet, nicht auf nasse Stellen und in Pfützen zu treten, denn die Gefahr, sich Würmer oder sonst was zu holen ist dort besonders groß, wie uns vorher ein fernreiseerfahrener Arzt mitteilte. 20.000 Exemplare der Gattung Rattus rattus sollen hier im Tempel leben. Man sieht keine Babyratten, alle Ratten haben angeblich dasselbe Gewicht und dieselbe Größe ohne Veränderung während ihres Lebens. Aber zwischen jugendlichen und alten Ratten konnten wir schon unterscheiden.



Video zum Thema

Deshnok - Karni Mata Rat Temple

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