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Sunday at the Public Beach ...
 
Von Helmut Wiederstein
 
     Die Strände auf Mauritius gehören allen Mauritianern, sie sind öffentlich und frei zugänglich ! Zum Glück !!!
     Ich erzähle jetzt von Geschehnissen, die ca. 10 Jahre zurückliegen, die sich aber so ähnlich noch heute erleben lassen. Meine eigenen Erlebnisse beruhen auf Dinge, die sich an den großen Stränden des Ostens und des Nordens zugetragen haben. Die Strände im Osten, allen voran der Strand von Belle Mare/Palmar, ist wohl mit der schönste, ganz sicher der Längste.
 
     An Sonntagen oder an Public Holidays kommen dann Scharen von Mauritianern, Väter, Mütter, Großmütter und -Väter, Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Freunde, ... entweder mit zum Teil abenteuerlichen Automobilen oder mit gemeinschaftlich angemieteten Reisebussen, um den Tag am Meer zusammen zu verbringen.
     Schnell werden ein paar Zeltplanen zwischen die Filao-Bäume gespannt und in großer Runde wird erst mal mitgebrachtes Essen verzehrt. Anschließend wird gebadet, Frauen aber bitte sehr züchtig im Sari, Kinder plantschen vergnügt im Wasser, viel der mauritianischen Lebensfreude kommt rüber.
     Die meisten Einheimischen sind sehr einfache Leute, die aber genug zu essen, zu trinken, gesunde Kinder, große Familien, Spass und Lebensfreude haben - und ihre freien Tage in dieser herrlichen, Paradies ähnlichen Umgebung verbringen dürfen.
 
     Wir hingegen, die Touries, wir haben fast das ganze Jahr gelebt um zu arbeiten, und wir machen dann hier zwei, drei Wochen Urlaub und ...
 
     Überall laufen untergehakt Mädel, Jungen, aber auch Frauen u n d Männer im Gespräch vertieft, umher. Es wird Fußball gespielt, manche Barfuß, manche mit Fußballschuhen, Frauen und Männer gemixt, aber alle voller Elan und Lebensfreude !
     Später zieht sich alles in den Schatten der Filaos zurück. Feuer werden entzündet, Essen wird gekocht, die Ravanne wird am Feuer angewärmt, erhitzt, die ersten Sega-Klänge erklingen.
     Man kennt wahrscheinlich aus den Hotels die wöchentlichen Segashows, die Salon-Sega, - So, wie viele Mauritianer noch glauben, wir mögen ihren ursprünglichsten Gefühlsausdruck von Leid, Leben, Arbeit, Sex, und Freude, ... so ohne Gefühle, aber dafür angereichert mit schlecht kopierten südamerikanischen Hüftschwüngen, Show-Gesangseinlagen á la Las Vegas...
     Dabei brauchen die das gar nicht! Wer einmal das Glück hatte, eine Original-Sega zu erleben, die Gefühle ausdrückt, Stimmungen und Lebensgefühl vermitteln will, vom totalen, bis zur Erschöpfung getanzten Erlebten oder Überlieferten erzählt, den können ein paar hübsche Mädchen in ihren farbenfrohen, luftigen Kleidern, die nicht mehr als ein scheinbar touristisches "Muss" vorführen, eine Salon-Sega, nicht mehr beeindrucken.
     Mit viel Glück lässt sich am Public Beach schon mal beobachten, wie zum Beispiel eine mächtige, sehr dunkle Creolin anfängt ihre Hüften erst zaghaft rhythmisch zu bewegen, dann ihren Körper dem Klang und Takt von Ravanne, Maravanne, Bobre und Tamtam unterwirft, umher Stehende und Sitzende erst leicht, dann fester in ein Klatschen verfallen, wie sich ein Mann als Vorsänger präsentiert, mehrere Frauen in den Tanz und in den Gesang einfallen, wie abwechselnd auch die Rolle des Vorsängers übernommen wird, das ist Sega!
 
     Eine ältere, nicht gestylte Frau, Kinder, Mädchen, junge Frauen, Männer, - kurz: alle tragen dazu bei, das ihr Lebensgefühl so nah und lebendig vermittelt wird. Hier wird die Sega nicht für Publikum gespielt, sie wird für sich dar gebracht. Zu dem tollen Ambiente gehört auch die tolle Kulisse, Filaos, Meer, das weiße Riff am Horizont, das leichte Rauschen der Baumwipfel in den Passatwinden, die exotischen Düfte, der ferne Klang der sich am Riff brechenden Wellen, deren fernes Geräusch so gut zu dem Ruf der Ravanne passen...
     Und dann ist ca. eine Stunde vor Sonnenuntergang die ganze Jause beendet, alles steigt in die Autos und Busse, um zu den Städten des Zentralen Hochlandes zurück zu kehren.
 
     Und wenn wir nicht nur als Zuschauer fungieren möchten?
DAS WAR KEIN TRAUM!
Trau Dich, es geht!
 
     Es ist gar nicht schwer und erfordert keine großen Aktivitäten von Dir. Man geht herum, schaut interessiert, setzt sich irgendwo in der Nähe von Leuten hin und steckt sich zum Beispiel eine Zigarette an. - Nach kurzer Zeit kommt vielleicht eine Einheimische und bittet, mit Händen und Füßen radebrechend, um eine Zigarette.
     Es wird ein Gespräch in Gang gesetzt, man wundert sich nachher nur, wie man sich so über Einzelheiten unterhalten konnte, wo man doch gar nicht oder nur wenig, die Sprache des Anderen spricht. Nach ein paar Minuten kommt noch eine zweite, eine dritte Mauritianerin vorbei, fragen mit Zeichensprache auch nach einer Zigarette.
     Und auch sie wollen, neugierig auf den Menschen aus dem fernen Europa, Fragen stellen, Dinge erfahren, ihre mauritianische Art zu leben mit DIR leben. Jetzt kommen immer mehr Neugierige, es wird langsam Zeit für Dich zu sagen oder durch Schulterzucken zu zeigen: "ich habe keine Zigaretten mehr." Die Leute kommen jetzt aber, nachdem sie ihre erste Scheu verloren haben, trotzdem.
     Denn natürliche Neugier und der Wunsch gastfreundlich zu sein, ist dem Mauritianer ureigen. So dauert es auch nicht lange, die ersten Kinder nähern ihr Spiel immer mehr deinem Standort, plötzlich sind sie da und strahlen dich mit ihren großen Augen an. Du wirst an viele Lager eingeladen.
 
     Bedenke, sie meinen es ehrlich und ohne Hintergedanken, sind nur total nett, lieb-naiv und gastfreundlich! Nur wir haben wahrscheinlich Hintergedanken!
     Es kann passieren, dass man so sehr nette, liebe Leute näher kennen lernt, Freunde fürs Leben gewinnt.
 
     Vieles meiner Erzählungen mag sich wohl sentimental oder gefühlstriefend kitschig anhören. Aber so wie es das italienische Lebensgefühl des dolce faniente - das süße Nichtstun, Ars vivendi - die Kunst zu leben, oder die französische lockere Art zu leben, so gibt es ganz sicher das mauritianische:
 
mangé, boire, amizé - iss, trink, amüsier dich und geniesse, also carpe diem - geniesse den Tag, lebe jetzt, heute und lebe!
 
     Ein anderes Mal habe ich an einem Baum gelehnt gesessen und schaute dem bunten Treiben einer mauritianischen Großfamilie zu. Es duerte nicht lange, als das Familienoberhaupt, ein sehr afrikanisch wirkender Creole, mich zu sich herüber winkte.
     Gemacht getan, mir wurde sogleich ein Becher Rum mit Cola gerreicht. Da ich in meiner Umhängetasche auch eine Flasche Rum hatte, gab ich sie dem Chef als Gastgeschenk. Die Freude darüber war sehr groß.
     Mir wurde auch Essen angeboten, was ich aber ablehnte, da ich vor Kurzem schon gegessen hatte und satt war. Im Laufe der Zeit kam man so mit allen Familienangehörigen ins Gespräch, und dabei erfuhr ich dann, dass die meisten der Männer als Saisonarbeiter auf einer Zuckerrohrfabrik körperlich sehr hart für umgerechnet ca. 180 bis 230 DM im Monat schufteten.
     Aber nur 6 bis 8 Monate im Jahr. Danach haben sie keine Arbeit und somit kein Verdienst! Aber trotzdem sind Neid, Missgunst oder soziale Dünkel für sie gänzlich unbekannt.
     Wenn man den Wert des Geldes so betrachtet und bedenkt, bei einem Familieneinkommen von 4500.-DM in Deutschland hat unser Einkommen hier auf Mauritius eine 25 mal größere Kaufkraft als ein Einkommen von umgerechnet 180.-DM - und das ist hier draußen repräsentativ.
     Da entspricht dann die Flasche Rum, erstanden für 5 DM natürlich außerhallb des Hotels, gut 25 x 5 = 125 DM. Und ein Trinkgeld im Hotel oder anderswo von 0,50 DM entspricht also ca. 12,50 DM!
     Also, korrumpiert nicht die Leute durch zu große Trinkgelder. Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, hier mal ein nettes Wort, dort mal eine freundliche Geste, ein Lächeln, sich als Gast benehmen und den Service eben nicht als selbstverständlich registrieren, sie sind oft viel mehr wert als Trinkgeld!
      Natürlich habe ich auch andere mauritianische Bekannte - "Normalverdiener", die kommen durch sehr viel Arbeit, durch immer bereit sein für ein kleines Nebengeschäft, durch das Einkommen der Eltern, auf ca. 3000 DM.- im Monat.
     Das bei einer Durchschnittsfamilie von 5-6 Köpfen, die Eltern leben oft mit in den Familien, die traditionelle mauritianische Familie ist groß. Für Telekommunikation und Internet schlagen noch mal schnell 1200 DM im Monat zu Buche, mindestens ein Festanschluss und zwei Handies sind in einer normalen Familie zu finden, Internet ist fast ein Muss! Ja, Mauritianer sind halt begierig auf alles Neue.
 
      Und die Gesundheit. Das Gesundheitswesen ist zwar frei - aber Mauritianer haben größeres Vertrauen zu Ärzten, die in Europa, USA oder in Asien studiert haben, und die wollen nun mal viel Geld für ihre Dienste.
     Und Mieten und Mietnebenkosten sind für den normalen Mauritianer auch nicht gerade billig. Um so erstaunlicher ist es oft für mich, wie nett ihre Kinder oft raus geputzt und angezogen sind.
     "In Europa haben wohl nur die Italiener noch so einen ausgeprägten Familiensinn." Das sagte ein mauritianischer Freund mal zu mir, als ich ihn auf den Familiensinn der Mauritianer ansprach.
 
     Aber zurück zum Sunday at the Public Beach. Jede/r, der mehr vom originären Mauritius erfahren und kennen lernen will, sollte ihn nicht versäumen, den Sunday at the Public Beach!
     Hier erfährst Du dann vieles über deren Lebensart, den Way-of-life, ihren Familiensinn, Gastfreundschaft, Freundschaft, Wünsche, Träume, ... Aber auch über das soziale Zusammenleben der Geschlechter, Religionen, Ethnien, sozialen Habitus.
 
     Wenn Du nicht zwei oder drei Wochen nur das faule Strandleben im Hotel, unterbrochen von einigen Ausflügen zu so genannten Sehenswürdigkeiten für Deine Kenntnisse über Mauritius heranziehen willst, dann geh zum Sunday at the Public Beach!


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