| Weltreisen | Kanada | Newfoundland | Central | Site-Map | HOME |

| Gander International Airport |

GANDER

Manchmal schreibt eine Reise ihre eigenen Kapitel: Nach unserem Unfall verbrachten wir drei Nächte in Gander und fanden einen Platz in einem schönen Airbnb bei sehr netten Gastgebern, die sich rührend um uns gekümmert haben. Statt großartig unterwegs zu sein, wollten wir nach dem Schock erst einmal ankommen, durchatmen, im schönen Badezimmer heiß duschen und uns neu organisieren.

Viel gesehen haben wir von Gander in diesen Tagen nicht, der große Ausflug bestand im Wesentlichen aus einem gemeinsamen Einkauf im Walmart Superstore. Unsere Gastgeber haben uns dorthin und wieder zurückgefahren, was uns in der Situation unglaublich geholfen hat. Michaels Rasierer war kaputt und wir fanden hier das gleiche Exemplar wider.

Auch in ihrer Mittagspause versuchte Michelle uns etwas von Gander zu zeigen und steuerte das Silent Witnesses Memorial an. Leider waren dort ganze Wolken von Kriebelmücken unterwegs, sodass wir schnell wieder ins Auto sprangen. Die Biester stechen nicht, sie beißen! Der Gedenkpark liegt knapp außerhalb der Stadt im Wald und erinnert an den Absturz von Arrow Air Flug 1285 im Jahr 1985, bei dem 256 Menschen ums Leben kamen. Solche kleinen Gesten von wildfremden Menschen, die einen einfach mitnehmen, sind am Ende oft das, was von so einer Reise besonders in Erinnerung bleibt.

Gander selbst ist ein eher junger, sehr nüchtern und funktional angelegter Ort – eine Kleinstadt mit ca. 11.800 Einwohnern im östlichen Zentrum von Neufundland. Zusammen mit Grand Falls-Windsor ist Gander das Versorgungszentrum für Central Newfoundland. Hier gibt es große Supermärkte, Baumärkte, Outdoorgeschäfte, Hotels und Werkstätten. Gander eignet sich hervorragend als Zwischenstopp oder Basis, wenn man auf dem Trans-Canada Highway in Richtung der Ostküste (Terra Nova National Park, Bonavista Peninsula) oder nach Norden zur Kittiwake Coast unterwegs ist.

Seine gesamte Existenz verdankt der Ort der Luftfahrt. Die Stadt wurde Ende der 1930er-Jahre praktisch aus dem Nichts rund um einen neuen Flughafen aus dem Wald geschlagen. Aufgrund der geografischen Lage war der Flughafen über Jahrzehnte hinweg der wichtigste Auftankstopp für alle transatlantischen Flüge zwischen Nordamerika und Europa. Viele Straßennamen erinnern bis heute an bekannte Flieger aus aller Welt – ein Kuriosum, das die Bedeutung des Ortes für die Luftfahrtgeschichte unterstreicht.

Etwas Ruhe und frische Luft haben wir uns trotzdem gegönnt: Ein Abendspaziergang am nahe gelegenen Cobb's Pond, direkt im Zentrum von Gander gelegen. Der rund 4,5 Kilometer lange, größtenteils ebene Rundweg führt überwiegend über einen gut ausgebauten Bohlenweg durch Feuchtgebiete und lichten Wald aus Birken, Espen, Tannen und Fichten, vorbei an zahlreichen Aussichtspunkten und Bänken. Hier im Cobb's Pond Rotary Park sind viele Jogger und Leute mit ihren Hunden unterwegs. Das Highlight für uns kam an einem Aussichtspunkt: Hier konnten wir endlich Biber im Wasser beobachten – ein schönes, ruhiges Naturerlebnis mitten im Ort.

Wenigstens einer schwamm noch herum; zwei Damen aus der Ukraine erzählten uns, es wären wenige Minuten zuvor noch viel mehr gewesen. Einmal um den See zu laufen tat gut, nachdem wir den ganzen Tag in der Wohnung gesessen hatten.

Am Ende bekamen wir noch zwei alte Koffer geschenkt und konnten so wenigstens einen Teil der Einkäufe, die wir wenige Tage zuvor in Grand Falls-Windsor getätigt hatten, im Flugzeug nach Nova Scotia mitnehmen. Auch die Flasche Seaweed-Gin hatte die Kollision überlebt.

Zum Abschluss unseres unfreiwilligen Aufenthalts wurden wir dann sogar noch zum Gander International Airport gefahren – der ist für sich schon einen eigenen Bericht wert.









Gander International Airport

Gebaut wurde der Flughafen als Stop für Transatlantikflüge, Neufundland lag direkt auf der Strecke England - Irland - New-York. Der gewählte Platz war ausreichend eben, nahe an der damaligen Eisenbahnstrecke, und weit genug vom Meer entfernt, so dass es weniger Sturm und Nebel geben würde als an der Küste. Anwohner und Grundbesitzer gab es keine, also wurde 1936-38 drauflosgebaut. Zu einer Zeit, als man von kommerzieller Luftfahrt nur träumen konnte, ging es erstmal nur um Fracht und Postflieger.

Während des Zweiten Weltkriegs dienten die Anlagen in Gander als gigantische Basis für die Royal Air Force und US-Streitkräfte, um Tausende in Nordamerika gebaute Bomber und Jagdflugzeuge nach Europa zu überführen, anstatt sie in Teilen auf Schiffen zu transportieren. Man war sich nicht einmal sicher, ob das technisch möglich war, und startete erstmal einen Testflug mit einer Gruppe von 7 zweimotorigen Lookheed Hudson Mark III Bombern. Bei einem Verlust von 3 Maschinen wäre das immer noch besser als die Schiffstransport gewesen, aber alle 7 erreichten Irland, obwohl sich ein paar von ihnen erst verflogen hatten. In den 1950er- und 60er-Jahren avancierte der Flughafen schließlich zum "Crossroads of the World", da praktisch jedes transatlantische Flugzeug hier zum Auftanken zwischenlanden musste.

Was den Flughafen so besonders macht, ist seine 1959 eröffnete internationale Abflughalle. Sie ist bis heute nahezu unverändert erhalten und gilt als der am besten erhaltene modernistische Raum Kanadas – ein Architektur-Denkmal der Nachkriegsmoderne mit Original-Möbeln und Wandgemälden aus den 1950er-Jahren. Als die Halle eingeweiht wurde, war sie kein gewöhnlicher Wartebereich, sondern eine bewusst inszenierte Visitenkarte Kanadas: Die kanadische Regierung wollte der Welt, von Prominenten über Staatsoberhäupter bis zum durchschnittlichen Passagier, ein modernes, weltoffenes Land präsentieren. Und ein durchschnittlicher Passagier gehörte damals aufgrund der Flugpreise quasi automatisch zur reichen Oberschicht oder Prominenz.

Alles war damals etwas lockerer, rund um das Flugfeld gab es nicht einmal einen Zaun. Sonntags machten die Familien in Gander gerne einen Ausflug zum Flughafen, und man traf dort an der Bar dann auch schon mal auf Frank Sinatra oder Muhammad Ali. Königin Elisabeth II. persönlich eröffnete das Terminal 1959 und schätzte das Ambiente bei ihren Zwischenstopps in der VIP-Lounge.

Zentrales Kunstwerk der Halle ist das 22 Meter lange Wandgemälde "Flight and Its Allegories" des kanadischen Künstlers Kenneth Lochhead. Es wurde in Ei-Tempera direkt während der Bauzeit des Terminals gemalt – wofür über 500 Eier verarbeitet wurden. Es zeigt menschliche Figuren und Vögel als Sinnbilder des Fliegens, eingebettet in Motive kanadischer Natur.

Ergänzt wird das Bild von der Bronzeskulptur "Birds of Welcome" von Arthur Price, die mitten auf dem geometrischen Terrazzoboden im Mondrian-Stil steht. Dazu kommt Designer-Mobiliar von Charles und Ray Eames, Arne Jacobsen und anderen Größen der Möbeldesign-Geschichte der 1950er-Jahre sowie eine bis heute erhaltene, hölzerne Rolltreppe, die als erste Rolltreppe Neufundlands gilt.

Als die Ära der Düsenflugzeuge in den 1960er-Jahren Zwischenlandungen zum Auftanken überflüssig machte, verlor der Flughafen rapide an Bedeutung. Bis zum Ende der 1980er konnte jedoch ein reger Flugverkehr zwischen dem Ostblock und Kuba bzw. Südamerika aufrecht erhalten werden. Für diese Strecken wurde hier eine Zwischenlandung erforderlich, und Gander war für die Ansprüche der Staatsicherheit angenehm isoliert. Aeroflot hatte hier über 30 Flüge die Woche, Honecker, Breshnew und Castro hatten hier in aller Stille diverse Treffen mit anderen Präsidenten. Einige Bürger des Ostens nutzten die Situation auch zur Flucht in den Westen.

Nach dem Einschlafendes internationalen Verkehrs blieb die prunkvolle Halle jedoch praktisch wie eine Zeitkapsel erhalten und wurde 2022 nach umfassender Restaurierung für die Öffentlichkeit wiedereröffnet.

Heute beherbergt sie im oberen Bereich zusätzlich eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Flughafens, die auch ausführlich die Ereignisse rund um den 11. September 2001 dokumentiert. Wir hatten ja Zeit und konnten sie uns in Ruhe ansehen. Weltweite Berühmtheit erlangte Gander am Tag der Anschlüge noch einmal: Nach der Schließung des US-Luftraums wurden 38 Passagierflugzeuge mit 6.696 Passagieren nach Gander umgeleitet. Die Einwohner der kleinen Stadt nahmen die gestrandeten Passagiere kostenlos in Privathäusern, Schulen und Gemeindezentren auf. Diese Geschichte bildete die Vorlage für das weltberühmte Broadway-Musical "Come From Away".

Beim Check-in wunderte man sich bei der Durchleuchtung ein bisschen über den Inhalt unserer Koffer, aber jeder hier hatte von unserm Crash gehört: "Ach, IHR seid die mit dem Camper-Unfall!". Alle Flughafenangestellten, die wir trafen, waren sehr interessiert, freundlich und empathisch. Ein würdiger Abschluss unseres unfreiwilligen Zwischenstopps in Gander.








Video zum Thema

Google Map zum Thema

360° View zum Thema

| Weltreisen | Kanada | Newfoundland | Central | Site-Map | HOME |

| Datenschutz | Impressum |