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UNFALL AUF NEWFOUNDLAND

Wir hatten unseren Truck-Camper von Fraserway schon fünf Wochen, waren damit 4.500 Kilometer gefahren und fühlten uns darin rundum wohl. Alle Dinge hatten im Laufe der Zeit ihren Platz gefunden, wir kochten fast täglich und an ein paar Macken hatten wir uns schnell gewöhnt. Um uns noch ein bisschen wohler zu fühlen, hatten wir einige Zusatzkäufe getätigt, die das Leben in den acht Wochen Mietzeit ein bisschen schöner machten.

Leider hatten wir dann an Tag 16 auf Neufundland einen schweren Unfall, und unser schöner Camper, den wir "Rocky" getauft hatten, war nur noch Schrott.

An einem klaren, sonnigen Tag ohne Regen waren wir auf dem Weg von Twillingate über Gander in Richtung Terra-Nova-Nationalpark. Dort wollten wir eine Nacht bleiben und danach endlich zu den Puffins nach Elliston. Die Gander Bay Road, die von Norden her nach Gander hineinführt, ist die zweitwichtigste Straße hier nach dem Trans-Canada-Highway und ziemlich breit ausgebaut; trotzdem darf man hier nur 80 fahren. Michael zuckelte also vorschriftsmäßig Richtung Süden. Hinter uns hatte sich mittlerweile ein halbes Dutzend Autos und ein großer Lkw angesammelt, die gerne etwas schneller gefahren wären.

Kurz vor Gander passiert man hier den Jonathan's Pond Provincial Park, der sich über etliche Kilometer entlang der Straße zieht. Genau in der Mitte machte die Straße für uns eine leichte Linkskurve. Dort kam uns ein einzelnes Auto entgegen.

Aber anstatt in der Kurve dem Straßenverlauf zu folgen, fuhr es im Scheitelpunkt der Kurve einfach geradeaus, kam auf unsere Spur und zielte etwas schräg genau auf uns zu. Michael hatte knapp zwei Sekunden, um zu realisieren, was da schiefläuft. Er hat mit einem Ruck am Lenkrad den Wagen etwas nach rechts gezogen, doch dort befand sich ein tiefer Graben. Ich rief noch: "Was macht der Idiot da ..." BANGGG! Und schon knallte es und die Airbags gingen auf. In einem Sekundenbruchteil explodierten die Kapseln, und eine dichte, weiße Staubwolke füllte schlagartig das Cockpit. Es war kein Rauch von einem Feuer, sondern das Talkumpuder, das ein Verkleben des Stoffs im Inneren verhindert. Der extreme Knall und die plötzliche Pulverwolke waren im ersten Moment ein riesiger Schock.

Unser Fahrzeug setzte automatisch einen Notruf ab und der Bordcomputer laberte irgendwas auf Englisch – was sonst. Auf dem Display stand so etwas wie "if you don't want to send an emergency call press 'cancel'" – aber das war ja ganz in unserem Interesse. Auf einem Ohr wie taub, kletterte ich mit den beiden Kameras in der Hand unverletzt heraus; der Wagen hing etwas schief halb auf dem Abhang jenseits des schmalen Seitenstreifens. Michael folgte mir dicht dahinter über die Mittelkonsole durch die Beifahrertür, weil die Fahrertür blockiert war. Dann standen wir erst mal am Straßenrand und versuchten, uns zu orientieren. Als uns klar wurde, was für ein unendliches Glück wir hatten, haben wir uns erst einmal ganz fest umarmt.

Da wir wie vorgeschrieben mit 80 km/h unterwegs waren, hatten wir eine lange Schlange von Autos hinter uns. Die Personen aus den vordersten Fahrzeugen kamen sofort als Ersthelfer zu uns, fragten, ob alles in Ordnung sei, und wählten den Notruf. Sie boten sich gleich als Zeugen an, denn sie hatten genau gesehen, wie das andere Fahrzeug auf uns zugerast war. Das war ein Toyota Corolla, der 60 Meter weiter auf der anderen Straßenseite auf dem Dach lag, und einige Leute kümmerten sich bereits um die Fahrerin.

Die Spuren auf der Straße und die umherfliegenden Teile zeigten, wie heftig es gerumst hatte. Das entgegenkommende Auto hatte uns direkt hinter der Stoßstange auf das linke Vorderrad getroffen und war dann die ganze linke Seite entlanggeschlittert. Beim Zusammenprall wurde unser linkes Vorderrad mit Aufhängung und Achse komplett abgerissen. Das Rad lag mitten auf der Straße, von der Seite konnte man bis ins Innere des Differenzials schauen, und das Rad auf der rechten Seite war nach außen abgeknickt. Der Wagen war nach Verlust des Vorderrades auf dem Differenzial geradeaus weitergerutscht und hat dabei eine 10 cm tiefe Rille in den Asphalt gefräst; der rechte Reifen hatte sich fest in die Böschung gegraben, was uns glücklicherweise vor einem Überschlag bewahrte.

Durch die enorme Wucht der seitlichen Kollision wurden die Befestigungs-Spanner für den Campingaufsatz komplett abgerissen und die Rückwand der Kabine herausgebrochen. Unser mobiles Zuhause lag, in mehrere Teile zersplittert und mit all unseren Sachen, tief unten im Graben etwa 20 Meter weiter vorne.







Rettung naht

Wenn auf Neufundland die Notrufnummer gewählt wird und der Highway aufgrund einer Kollision gesperrt werden muss, läuft eine feste Kette von Maßnahmen an. Bei uns ging jedenfalls nichts mehr auf der Gander Bay Road. Da glücklicherweise niemand schwer verletzt war, lag der Fokus der Behörden schnell auf der Sicherung der Unfallstelle, der Versorgung der Beteiligten und der raschen Räumung der Straße.

Sehr schnell waren mehrere Polizeifahrzeuge, drei Ambulanzen, eine Feuerwehr und kurz danach gleich drei Abschlepper vor Ort – weil man beim ersten Augenschein dachte, wir hätten einen Trailer gezogen. Die Feuerwehr war erleichtert, da es nicht brannte und niemand eingeklemmt war, und kam mit einem Beutel Katzenstreu vorbei und versorgte die ausgelaufene Bremsflüssigkeit.

In Neufundland übernimmt meistens die Royal Canadian Mounted Police, kurz RCMP, die Unfälle auf den Highways. Die Beamten sperrten die Unfallstelle ab, nahmen den Unfallhergang auf und bereiteten den offiziellen Polizeibericht vor.

Die Sanitäter untersuchten alle Beteiligten vor Ort auf leichte Verletzungen, Gehirnerschütterungen oder Schocksymptome. Die Unfallgegnerin war leicht verletzt, während wir beide unverletzt blieben. Mein Ohr war durch den Knall etwas taub und Michael hatte eine leichte Brandwunde; zudem war seine Jacke durch das Platzen der Airbag-Patrone verschmort.

Die Polizei forderte vor Ort merkwürdigerweise nur den Führerschein von Michael. Eigentlich hätten sie auch gleich den Reisepass, die Registrierung des Fahrzeugs, die im Handschuhfach des Campers lag, und den Versicherungsnachweis sichten müssen. Diese Anfrage erreichte uns erst später per E-Mail, als wir die Papiere ohnehin schon wieder bei Fraserway abgegeben hatten. Wichtiges Fazit: Von der Fahrzeugregistrierung und der Versicherungspolice ebenso wie vom Führerschein gleich zu Beginn des Urlaubs ein paar Bilder mit dem Smartphone machen, dann hat man diese parat, auch wenn das Fahrzeug ausbrennen oder in einem See versinken sollte. Diese Sachen muss man als Unfallbeteiligter nämlich vorzeigen können.

Da der Highway gesperrt werden musste und der Schaden weit über 2.000 CAD lag, war der Unfall in Neufundland gesetzlich meldepflichtig. Michael war immerhin trotz des Schocks so geistesgegenwärtig, sich von den Beamten das Aktenzeichen, die sogenannte File Number, des Berichts sowie die Kontaktdaten der Dienststelle geben zu lassen. Ohne unsere Nachfrage hätten wir diese wichtige Nummer nicht bekommen. Ein Alkoholtest oder Ähnliches, was bei uns in Deutschland üblich ist, wurde übrigens nicht gemacht; auch Messungen auf der Straße fanden nicht statt. Ob jemand Fotos gemacht hat, kann man im Zeitalter der Smartphones ja nicht so leicht feststellen.

Da der Kühlschrank und das Gefrierfach zum Glück zugänglich waren und in der Sonne abtauten, beschlossen wir, das gerade frisch gekaufte, leckere Beereneis von Dark Tickle für über zehn Dollar den Becher nicht wegfließen zu lassen. Wir fanden in einer Küchenschublade zwei Löffel, standen dann erst mal mitten in der Unfallstelle und löffelten unser Eis.

Der Abschleppwagen nahm uns beide dann mit dem aufgeladenen Truck und einem ersten Teil unserer Sachen aus der Fahrzeugkabine mit zu seinem Büro, wo uns der nette Besitzer seinen Internetzugang und seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte – er musste sofort zu einem zweiten Unfall. So konnten wir den Road Service von Fraserway informieren und uns um eine Bleibe für die nächste Nacht kümmern. Das war gar nicht so einfach, denn wir brauchten unbedingt einen Kühlschrank für die geretteten Lebensmittel. Durch den weiteren Unfall waren die Jungs von Decker Towing zwischenzeitlich alle unterwegs; wir hatten das Büro ganz für uns.

Während der Wartezeit kamen vier ältere Leute in die Halle, um die Toilette zu nutzen. Sie stammten aus Gander, und wir schenkten ihnen kurzerhand alle angetauten Lebensmittel aus dem Tiefkühlfach, darunter feine Scallops aus Digby, Mahi-Mahi und Thunfischfilets, Kokosshrimps sowie Beutel mit Gemüse. Da wussten wir ja noch nicht, dass wir kurz darauf eine Wohnung mit Kühlschrank und Gefrierfach finden würden, und gingen fest von einem Hotelaufenthalt aus. Die strahlenden Gesichter angesichts der unverhofften Leckereien machten uns in dieser Situation aber richtig froh.

Nach ein paar Stunden wurden wir zurück zum Unfallort gefahren, wo wir unsere restliche Habe aus dem total zerstörten Camper bergen mussten. Alles, was sich vorne im Auto befunden hatte, war heil geblieben, auch die Koffer und der Karton mit den gerade gekauften Weinflaschen. Wir konnten die gesamte Kleidung aus den Schränken retten, den Laptop und die Backup-Platte mit allen Fotos fanden wir ebenfalls, und auch das meiste aus dem Kulturbeutel war noch da.

Hier zahlte es sich wirklich aus, dass wir Unterwäsche, Socken und Ladekabel in festen, mit Reißverschluss geschlossenen Plastikbeuteln verwahren – so flog wenig lose herum und viele Kleinteile waren mit einem einzigen Griff gerettet. Auch wenn alles auf dem Kopf stand, so wussten wir genau, was wo liegen musste oder wohin gefallen sein konnte. Von den Kopfkissen haben wir die Bezüge als Säcke verwendet und irgendwann blind einfach alles reingestopft, was greifbar war. Einiges konnten wir zwar nicht mehr finden, aber es war letztlich nur wenig kaputtgegangen, wie Michaels Rasierer und mein sowieso alter E-Book-Reader, wenngleich vor allem die gerade für die nächsten Wochen frisch eingekauften Lebensmittel größtenteils verloren waren. Tomaten, Nudeln und zerbrochene Eier ergeben keine schöne Mischung im Schrankfach.

Am Ende ist alles mit Geld zu ersetzen, und wir waren einfach unendlich froh, dass uns nichts passiert war.

Der ganze Krempel wurde schließlich auf den Pickup-Truck des Abschleppers geladen, und wir mussten mit Tränen in den Augen zusehen, wie unser geliebtes Zuhause der letzten fünf Wochen mit einem Bagger zerkleinert und direkt in die Absetzmulde für die Mülldeponie geladen wurde. Den zerbrochenen Camperaufsatz konnte man nämlich mangels stabiler Punkte nicht die steile Böschung hinauf und auf einen Abschlepper ziehen, und der Platz musste schnellstmöglich geräumt werden.

Zweites wichtiges Fazit: alle wirklich wichtigen Dinge wie Laptop, Backup-Platte, Kameras, Papiere und Geld gehören direkt "an den Mann" bzw. die Frau oder in eine Tragetasche/Rucksack vorn ins Auto. Wären wir beide mit leichten Verletzungen erst ins Krankenhaus gekommen, dann wäre bei unsrer späteren Rückkehr zur Unfallstelle nichts mehr vorhanden gewesen! Und diese Verluste sind durch keine Versicherung abgedeckt.







Helfer in der Not

Mit viel Glück und nach einigen vergeblichen Anrufen bei ausgebuchten Unterkünften fanden wir auf Airbnb eine Wohnung. Die Besitzer meldeten sich auch nach wenigen Minuten und boten sogar an, uns abzuholen. Aber der nette junge Mann vom Abschleppdienst fuhr uns in die nur einen Kilometer entfernte Wohnung und half uns sogar dabei, den ganzen Krempel die Treppen hinunterzutragen. Wir haben ihm alle Bierdosen aus unserem Vorrat geschenkt, worüber er sich sehr gefreut hat, denn es waren noch ihm unbekannte Sorten aus Nova Scotia dabei, und Bier ist hier ziemlich teuer.

Die Wohnung hatte auch eine Waschmaschine und einen Trockner, sodass wir erst einmal alle schmutzigen Sachen waschen konnten. Dann saßen wir, immer noch etwas benommen, herum und machten uns erst einmal ein einfaches Abendessen aus den geretteten Resten. Früh fielen wir dann in das schmale Queen-Size-Bett.

Die nächsten drei Nächte verbrachten wir hier, in der kombinierten Badewannendusche konnte sich Michael bei einem Bad dann noch etwas entspannen, auch wenn der Platz begrenzt war. Wir waren jede Minute froh, dass wir unverletzt da raus gekommen waren, vor allem, wenn man sich dann in Ruhe noch mal die Fotos anschaut.

Auch unsere Vermieter waren unheimlich lieb: Sie fuhren uns zum Walmart und Michelle opferte sogar ihre Mittagspause, um uns etwas von Gander zu zeigen. Zuerst sah es so aus, als würden wir ein Ersatzfahrzeug bekommen, aber schnell stand fest, dass die bis Ende August ausgebuchten Fähren das Nadelöhr waren. So bezahlte Fraserway den Rückflug von Gander nach Halifax, wo wir ein gleichwertiges Ersatzfahrzeug bekamen. Auf Wiedersehen, Neufundland!

Durch Zufall hatten unsere Vermieter noch zwei alte Koffer für die Müllkippe hintem auf ihrem Pickup, die konnten wir haben. Der Flug am nächsten Tag wäre so teuer gewesen, dass wir für einen Tag später buchten und den Tarif mit vier Gepäckstücken wählten. So konnten wir wenigstens einen kleinen Teil der teureren Einkäufe wie Wein, Gin und Lebensmittel mitnehmen. Den Rest verschenkten wir an Michelle und Chris oder ließen einiges in der Wohnung zurück.

Dann mussten wir noch eine Nacht im Airport-Hotel in Halifax verbringen und vier Nächte nach dem Unfall konnten wir dann in Halifax dann "Brocki", den etwas dunkleren Nachfolger von "Rocky", übernehmen. Die nächsten zwei Wochen waren wir damit dann noch etwas planloser in Nova Scotia unterwegs, wo wir mit einem Kennzeichen aus British Columbia überall auffielen und angesprochen wurden.







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