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GRAND-PRÉ

Nach dem Besuch von Wolfville fuhren wir weiter ins benachbarte Grand-Pré. Auch hier gibt es bekannte Weingüter, aber unser Ziel lag ein wenig außerhalb vom Ort. Die Grand-Pré National Historic Site, gelegen nur wenige Kilometer östlich von Wolfville, ist ein tief berührender Ort von großer historischer und kultureller Bedeutung. Das UNESCO-Weltkulturerbe erinnert an die einstige Heimat der Akadier und ist heute das wichtigste Denkmal für deren tragische Geschichte im Atlantischen Kanada.

Im 17. Jahrhundert ließen sich französische Siedler in dieser Region nieder und prägten das Land entscheidend. Mit großem handwerklichen Geschick errichteten sie ein ausgeklügeltes System von Deichen, die sogenannten Aboiteaux. Diese Bauwerke hielten das Salzwasser der extremen Gezeiten zurück, leiteten das Wasser bei Ebbe ab und verwandelten so auf Dauer die schlammigen Marschen in das fruchtbarste Ackerland Kanadas.

Die historische Bedeutung von Grand-Pré ist untrennbar mit der Vertreibung der Akadier ab dem Jahr 1755 verbunden, dem sogenannten "Grand Dérangement". Da sich die französischstämmigen, aber neutralen Akadier weigerten, einen bedingungslosen Treueeid auf die britische Krone zu leisten, ordneten die britischen Behörden die systematische Deportation der Bevölkerung an.

In Grand-Pré wurden die Familien zusammengetrieben, ihre Häuser und Höfe niedergebrannt, und Tausende von Menschen wurden auf Schiffe geladen und in alle Himmelsrichtungen verstreut. Viele überlebten die beschwerliche Überfahrt nicht, andere fanden erst Jahre später eine neue Heimat.

Ein Großteil der schätzungsweise über 11.000 Vertriebenen wurde zunächst in die britischen Kolonien entlang der amerikanischen Ostküste transportiert, wo sie jedoch oft auf Ablehnung stießen, da sie Französisch sprachen und katholisch waren. Viele wurden weitergeschickt oder flohen in die Wälder, nach Quebec oder auf die damals noch französischen Inseln Saint-Pierre und Miquelon. Eine bedeutende Gruppe von Akadiern zog ab den 1760er Jahren weiter in den Süden nach Louisiana, das zu dieser Zeit unter spanischer Kontrolle stand. Im dortigen Mississippi-Delta passten sie sich den neuen Lebensbedingungen im Sumpfland an. Aus der Mischung ihrer mitgebrachten Kultur mit lokalen Einflüssen entstand die heutige, lebendige Kultur der Cajuns, ein Name, der sich direkt aus der englischen Aussprache für "Acadian" herleitet.

Nach der schmerzhaften Vertreibung der Akadier durch die Briten im Jahr 1755 übernahmen Siedler aus Neuengland, die sogenannten New England Planters, das kultivierte Land und bauten die Landwirtschaft, insbesondere den Obstanbau, weiter aus.

Für die im atlantischen Kanada verbliebenen Akadier begann ab 1764 eine vorsichtige Rückkehr, als die britische Krone ihnen erlaubte, sich wieder in den Seeprovinzen niederzulassen. Ein Beweis, dass die Vertreibung doch keine gute Idee gewesen war. Allerdings war ihr altes, fruchtbares Ackerland im Annapolis Valley mittlerweile von britischen Siedlern besetzt. Die Rückkehrer mussten sich daher in entlegeneren und raueren Regionen ansiedeln, vor allem im Norden und Osten des heutigen New Brunswick, im Südwesten von Nova Scotia und auf der Kap-Breton-Insel. Dort bauten sie sich mühsam eine neue Existenz auf, die oft von Fischerei und Forstwirtschaft geprägt war.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebte das akadische Volk eine kulturelle und politische Renaissance. Die Veröffentlichung des Gedichts "Evangeline" im Jahr 1847 rückte ihr Schicksal in das weltweite Bewusstsein und stärkte das eigene Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Akadier gründeten eigene Schulen, Zeitungen und Institutionen. Auf nationalen Kongressen in den 1880er Jahren wählten sie ihre eigenen nationalen Symbole, darunter die akadische Flagge, die französische Trikolore mit einem goldenen Stern, dem Stella Maris, als Symbol der Hoffnung und der Führung durch die Jungfrau Maria.

Heute sind die Akadier eine stolze und anerkannte Gemeinschaft, die besonders in New Brunswick, der einzigen offiziell zweisprachigen Provinz Kanadas, ihre Sprache und lebendige Kultur erfolgreich bewahrt hat.







Rundgang

Die historische Anlage von Grand-Pré bettet sich harmonisch in die weite, durch Deichsysteme geschützte Marschlandschaft des Annapolis Valley ein und vermittelt eine Atmosphäre von tiefer Gelassenheit. Aufgrund dieser bemerkenswerten landwirtschaftlichen Pioniertat, kombiniert mit ihrer tiefgreifenden historischen Relevanz, wurde die gesamte Kulturlandschaft von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.

Ein modern gestaltetes Informationszentrum empfängt die Gäste direkt vor Ort, dort lässt sich unkompliziert der Parks Canada Pass erwerben. Verschlungene Pfade führen von diesem Ausgangspunkt durch eine liebevoll gepflegte Parklandschaft, die mit verschiedenen Denkmälern gespickt ist. Das unübersehbare Zentrum bildet die im französischen Kolonialstil errichtete Gedenkkirche. Dieses historische Bauwerk entstand in den 1920er Jahren, dient heute jedoch nicht mehr sakralen Zwecken, sondern fungiert als Ausstellungsraum und Ort des stillen Gedenkens.

Die Identität dieses Erinnerungsortes wird maßgeblich durch die bekannte Figur der Evangeline geprägt, deren bronzenes Abbild direkt vor dem Kircheneingang aufgestellt ist. Diese Skulptur zieht die Blicke der Ankommenden an und stellt das populärste Fotomotiv der gesamten Anlage dar. Die fiktive Biografie geht auf das weltbekannte, im Jahr 1847 vom US-amerikanischen Poeten Henry Wadsworth Longfellow veröffentlichte Versepos "Evangeline, A Tale of Acadie" zurück.

Das Werk erzählt eine berührende Liebesgeschichte, die sich vor dem realen Hintergrund der großen Deportation abspielt. Evangeline und ihr Verlobter Gabriel verbringen eine unbeschwerte Zeit im idyllischen Dorf Grand-Pré, bis britische Truppen die Region besetzen. Genau am Tag der geplanten Vermählung wendet sich das Blatt, denn im Zuge der chaotischen Vertreibung transportiert man das Paar auf getrennten Schiffen ab. Es folgt eine jahrzehntelange, aufreibende Suche Evangelines, die sie quer über den nordamerikanischen Kontinent führt, immer angetrieben von der tiefen Sehnsucht nach ihrem Partner. Eine finale Begegnung ist den beiden erst im Alter vergönnt, als Evangeline in einem Hospital in Philadelphia als Pflegerin arbeitet. Dort findet sie Gabriel als sterbenden, mittellosen Mann in einer sozialen Unterkunft. Er erkennt sie im letzten Augenblick seines Lebens, bevor er friedlich in ihren Armen verstirbt.

Obwohl es sich bei Evangeline um eine reine Kunstfigur handelt, entwickelte sie sich zu einem kraftvollen Sinnbild für das Schicksal, den unbändigen Widerstandsgeist und das kulturelle Bewusstsein der akadischen Bevölkerung, die ihre Traditionen trotz Vertreibung und bitterer Verluste bis in die Gegenwart hinein bewahrt hat.

Ein Spaziergang auf den gepflegten Wegen, vorbei an altehrwürdigen Weidenbäumen und mit weitem Blick über das Minas-Becken, verknüpft das Gedenken an ein düsteres historisches Zeitalter mit den landschaftlichen Reizen der kanadischen Natur.

Ein typisches Wiedererkennungsmerkmal der Nationalparks und geschichtlichen Stätten im ganzen Land sind die markanten roten Holzstühle von Parks Canada, die auch an diesem Ort aufgestellt wurden. Sie laden die Besucher dazu ein, kurz innezuhalten, sich niederzulassen und das Panorama über die geschichtsträchtige Deichlandschaft in aller Ruhe zu genießen.

Auf dem Weg durch das Areal passiert man zudem die historische Schmiede. Die originalgetreu rekonstruierte Werkstatt verdeutlicht die existenzielle Rolle, die dem traditionellen Handwerk im Alltag der frühen akadischen Siedlergemeinschaft zukam.

Im Frühjahr wird die Erkundung der Anlage von einer farbenfrohen und lebendigen Naturkulisse untermalt. Die Gehölze und Büsche des Parks präsentieren sich im Mai in feiner Blüte, in diesem frischen Blätterwerk lässt sich mit etwas Ausdauer ein kleiner, markanter Frühlingsbote beobachten: der Goldwaldsänger, im Englischen Yellow Warbler genannt. Mit seinem intensiv gelb leuchtenden Gefieder setzt dieser kleine Vogel unübersehbare Akzente in den Ästen.







The Guzzle

Nach dem Spaziergang bei prächtigem Frühlingswetter machten wir mit dem Camper noch einen Abstecher zu einem Aussichtspunkt namens "The Guzzle".

Nach holpriger Fahrt auf einem Feldweg steht man am Ende direkt am Meer, wo sich die unbändige Kraft der Bay of Fundy hautnah erleben lässt. Es handelt sich dabei um eine markante Verengung des Gezeitenstroms an der Mündung des Gaspereau River in das Minas-Becken, von wo aus man einen wunderbaren Blick in Richtung des markanten Cape Blomidon hat.

Wenn die Flut einsetzt, werden unvorstellbare Wassermassen mit enormer Geschwindigkeit und Wucht durch diesen schmalen Kanal gepresst. Das Wasser beginnt regelrecht zu brodeln und zu strudeln, was der Stelle auch ihren lautmalerischen Namen eingebracht hat. Bei Ebbe zieht sich das Wasser ebenso dramatisch wieder zurück und gibt die weiten, roten Schlammflächen frei, die so typisch für die Region sind. Für Besucher bietet dieser Ort ein beeindruckendes Erlebnis, um die höchsten Gezeiten der Welt abseits der bekannten Aussichtspunkte ganz intensiv und unverfälscht zu beobachten.

Wir waren zur Zeit der Flut vor Ort und erlebten das typisch aufgewühlte, tief rötliche Wasser der Bucht. Als besonderes Highlight konnten wir hier am Himmel zudem unseren ersten Weißkopfseeadler beobachten.





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