| Weltreisen | Kanada | Nova Scotia | Bay of Fundy | Site-Map | HOME |
Nachdem wir gegen Mittag von unserer Bootstour zurück zum Pier kamen, nutzten wir die Zeit, um die ungezähmte Natur und die geschichtsträchtige Kulisse von Brier Island etwas genauer zu erkunden. Geografisch bildet die nur etwa vier Kilometer breite Insel den ultimativen, exponierten Schlusspunkt des Digby Necks und liegt wie ein Wellenbrecher inmitten der stürmischen Bay of Fundy.
Historisch blickt die Insel auf eine bewegte Vergangenheit zurück: Die dauerhafte Besiedlung begann im Jahr 1783, als sich königstreue Loyalisten im heutigen Hauptort Westport niederließen. Da Ackerbau auf dem kargen Basaltboden kaum möglich war, konzentrierten sich die Siedler rasch auf den Schiffbau, die Holzwirtschaft und vor allem den Fischfang. Bis heute lebt die Region vom Hummerfang und den weltweit bekannten Jakobsmuscheln (Digby Scallops).
Der wohl berühmteste Sohn der Insel ist Kapitän Joshua Slocum. Er wuchs hier auf und ging 1895 in die Weltgeschichte ein, als er von Nova Scotia aus zu seiner legendären Reise aufbrach, um als erster Mensch überhaupt die Erde ganz allein auf einer Segelyacht zu umrunden.
Wer heute über die Insel fährt oder wandert, der spürt an jeder Ecke, wie rau und unbarmherzig das Klima hier sein kann. Durch die Lage am Kreuzungspunkt mächtiger Meeresströmungen ist Brier Island an weit über 100 Tagen im Jahr in dichten Seenebel gehüllt. Auch wir haben am letzten Tag ein paar Stunden davon abbekommen.
Um die Schifffahrt vor den tückischen Riffen zu schützen, wurden im Laufe der Zeit gleich drei historische Leuchttürme errichtet, darunter das markante, rot-weiß gestreifte Brier Island Lighthouse, auch bekannt als Western Light an der Westspitze der Insel. Der Leuchtturm befindet sich an der Südwestseite von Brier Island, nördlich von Whipple Point.
Whipple Point markiert den südwestlichen Endpunkt von Brier Island. Von dort erstrecken sich die größtenteils trockenen Gull Rock Bars 1,5 Meilen südwestlich bis zum zwei Meter hohen Gull Rock. Eine starke Gezeitenströmung verläuft von Gull Rock bis etwa 1,5 Meilen südsüdwestlich des Felsvorsprungs. Der Leuchtturm dient als Schutz vor dieser Gefahr. Er ist über eine Straße, die über die Insel führt, erreichbar.
Hier haben wir in unserem Camper Mittagspause gemacht; es gibt einige schöne Stellplätze in der Umgebung. Dort hätten wir sicher auch eine Nacht frei stehen können, allerdings kommen hier ständig Einheimische mit Quads oder Autos vorbei - einfach mal gucken.
Es war der erste Leuchtturm an der Südwestküste von Nova Scotia und damals noch ein Holzbau. 1818 wurde er als so schlecht gebaut und unzureichend beleuchtet beschrieben, dass er eine Gefahr darstellte. Aufgrund seiner Ineffizienz wurde er 1832 neu errichtet. Dieser zweite Leuchtturm bestand aus einem achteckigen Holzturm mit einer Laterne aus Metall. Das Gebäude war weiß gestrichen und mit drei roten Streifen versehen. Auf dem Gelände befand sich außerdem ein großes Nebelhorngebäude. Dieser Turm brannte 1944 ab und wurde durch den heutigen achteckigen, 18 Meter hohen Betonturm mit weißen und roten Bändern ersetzt, der ab 1987 automatisiert wurde.
Ein Trail führt vom Parkplatz in Richtung Whipple Point und weiter nach Little Pond Cove und Big Pond Cove Beach.
Ein weiterer Leuchtturm ist das Grand Passage Lighthouse, das bei unserem Aufenthalt eingerüstet war und neu gestrichen wurde. Direkt nebenan befindet sich die örtliche Seenotrettung.
Der dritte Leuchtturm liegt auf einer vorgelagerten Insel: das Peter Island Lighthouse direkt gegenüber von Westport und dem Joshua Slocum Monument.










Die extreme Lage macht Brier Island jedoch zu einem der bedeutendsten Ökosysteme Kanadas. Weil die Gezeiten zweimal täglich nährstoffreiches Tiefenwasser an die Küsten pressen, wimmelt es hier im Meer rundum nicht nur von Walen, sondern auch von einer spektakulären Vogelwelt. Die Insel liegt direkt auf dem Atlantic Flyway, einer gigantischen transatlantischen Zugvogelroute. Jedes Jahr im Juni und im Herbst rasten hier Millionen von Vögeln, was die Insel zu einem absoluten Mekka für Ornithologen macht.
Wir sahen hier besonders viele Silbermöwen (Herring Gulls, Larus argentatus), die wohl auf der Insel brüten. Dass sie hier in den Balsamtannen oder Fichten sitzen, ist auf Brier Island nichts Ungewöhnliches. Während sie ihre Nahrung hauptsächlich an der Küste oder auf dem Meer suchen, nutzen sie die Bäume als Ruheplätze, Aussichtspunkte oder teilweise auch als Nistplätze, wenn geeignete Felsstandorte fehlen oder bereits besetzt sind. Die Vegetation auf Brier Island ist durch den ständigen Wind niedrig und gedrungen, sodass die Bäume den Möwen gute, stabile Sitzwarten bieten.
Besonders gut hat uns der Big Meadow Bog Trail gefallen, der direkt nahe der Ortschaft liegt. Hier kann man parken, und der schöne Boardwalk gehört zu den interessantesten Naturpfaden in Nova Scotia – nicht wegen spektakulärer Aussichtsgipfel, sondern wegen seines außergewöhnlichen Hochmoors. Der 1,6 Kilometer lange Weg besteht größtenteils aus einem breiten, barrierefreien Holzsteg und ist auch für Rollstühle geeignet. Er führt durch ein seltenes Hochmoor, umgeben von Basaltrücken, während am Himmel ständig die Möwen kreischen. Es gibt Feuchtwiesen, Torfmoore, kleine Tümpel und Aussichtspunkte, unter anderem mit Blick auf Jimmy's Pond. Entlang des Weges informieren Tafeln über die Ökologie und die Renaturierung des Moors.
Einzigartig ist die botanische Vielfalt von Brier Island: Der Boden ist geprägt von seltenen arktisch-alpinen Pflanzen und weitläufigen Mooren, in denen fleischfressende Pflanzen wie der Sonnentau gedeihen. Ein absolutes botanisches Juwel ist die extrem seltene Eastern Mountain Avens, auf Deutsch die Östliche Berg-Nelkenwurz. Diese kleine, gelb blühende Pflanze ist ein wahres Relikt der letzten Eiszeit und wächst weltweit an nur zwei Orten: in den White Mountains im US-Bundesstaat New Hampshire und genau hier, in den feuchten Hochmooren von Brier Island. Die Eastern Mountain Avens und die umgangssprachlich als Butterblumen bezeichneten Hahnenfuß-Arten (Ranunculus) sehen sich auf den ersten Blick ähnlich, weil beide gelbe Blüten haben. Botanisch gehören sie aber zu unterschiedlichen Familien (Rosengewächse bzw. Hahnenfußgewächse).
Die Hauptblüte der seltenen Pflanzen liegt meist Ende Juni bis Anfang Juli, abhängig vom Wetter. Wir waren somit genau zur rechten Zeit da, um die Berg-Nelkenwurz blühen zu sehen. Wenn wir also auf dem Big Meadow Bog Trail eine gelbe Blüte gesehen haben, die wie eine Butterblume aussieht, lohnte sich ein Blick auf die Blätter, und wir konnten das botanische Kronjuwel der Insel fotografieren. Es gibt zwei eindeutige Merkmale, die sie zweifelsfrei identifizieren: Die Blätter der Pflanze sind gefiedert mit einem großen, rundlichen Endblatt und feinen, gezackten Rändern. Die Blätter einer Butterblume sehen völlig anders aus: Sie sind tief geschlitzt, schmal und stark zerfurcht. Wenn man genau in das Zentrum der gelben Blüte schaut, sieht man einen dunkleren, leicht orange-gelben Ring um die Staubblätter. Das ist absolut charakteristisch für Geum peckii. Die Blütenblätter einer Butterblume sind dagegen durchgehend einfarbig zitronengelb und haben oft einen fast wachsartigen, glänzenden Schimmer.
Da ihr Lebensraum extrem bedroht ist, steht die Pflanze in Kanada unter strengem Naturschutz (Species at Risk Act). Dass wir sie im Juni in voller Blüte direkt am Wegesrand entdecken und so scharf fotografieren konnten, ist ein fantastisches Souvenir dieser Reise!
Der Trail war aber auch ein guter Ort für Vogelbeobachtungen. Wir sahen Sumpfsperlinge, Gelbkehl-Waldsänger, Cedar-Seidenschwänze und viele Silbermöwen sowie Mantelmöwen, die im Moorgebiet brüten.















Video zum Thema
Google Map zum Thema
360° View zum Thema
| Weltreisen | Kanada | Nova Scotia | Bay of Fundy | Site-Map | HOME |
| Datenschutz | Impressum |