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CAPE CHIGNECTO

Nur ein kurzes Stück weiter westlich vom Cape d’Or Coastal Park erreichten wir den imposanten Cape Chignecto Provincial Park. Geografisch bildet der Park die spektakuläre Westspitze einer großen Halbinsel, die die Bay of Fundy teilt: Nördlich erstreckt sich die Chignecto Bay, während südlich der Minas Channel in das Minas Basin führt. Mit einer Fläche von knapp 6.000 Hektar und über 29 Kilometern unberührter, wilder Küstenlinie ist er der mit Abstand größte Provinzpark in ganz Nova Scotia. Landschaftlich wird das Areal von schwindelerregenden, bis zu 185 Meter hohen Granit- und Basaltklippen geprägt, die tiefen Tälern, dichten Urwäldern und völlig isolierten Sandbuchten weichen. Genau wie das Cap d’Or gehört auch dieser Riese zum geschützten Cliffs of Fundy UNESCO Global Geopark.

Die Bezeichnung Chignecto stammt aus der Sprache der Mi'kmaq-Indigenen und bedeutet übersetzt in etwa "Tuch aus Schlamm", eine direkte Anspielung auf die gewaltigen Wattflächen. Historisch blickt das Kap auf eine bewegte Vergangenheit zurück, die tief in der Erdgeschichte verwurzelt ist. Geologen fasziniert die Region, weil die mächtigen Felswände die Urgewalt der Plattentektonik dokumentieren: Hier kollidierten vor rund 300 Millionen Jahren die Kontinentalplatten, um den Superkontinent Pangea zu formen. Damals waren das heutige Nova Scotia und das von uns im Vorjahr besuchte Marokko direkte Nachbarn.

In der jüngeren Menschheitsgeschichte war das raue Terrain Schauplatz einer Holzfäller- und Schiffbauindustrie. Orte wie Refugee Cove dienten im 19. Jahrhundert als geschützte Werftplätze, an denen hölzerne Segelschiffe inmitten der unwegsamen Wildnis gezimmert wurden. Später holte sich die Natur dann das Land zurück. Die Regierung kaufte die Flächen 1989 auf, stellte sie unter Schutz und eröffnete im Jahr 1998 nach jahrelanger, mühsamer Pionierarbeit beim Trail-Bau den heutigen Wildnis-Park.

Für uns Wohnmobil-Reisende hält der Cape Chignecto Provincial Park allerdings eine ganz essenzielle Besonderheit bereit: Er ist als reiner Wilderness Park konzipiert. Das bedeutet, dass es hier, im Gegensatz zu den meisten anderen Provinzparks, keinerlei Stellplätze für Wohnmobile direkt im Park gibt. Daher haben wir im schönen Five Islands Provincial Park übernachtet und nur einen Tagesausflug hierher gemacht.

Im Park gibt es eine anspruchsvolle Mehrtagesroute namens Coastal Trail, dort liegen sieben abgelegene Backcountry-Campgrounds wie Seal Cove oder Refugee Cove, die ausschließlich zu Fuß oder vom Wasser aus per Seekajak erreichbar sind. Diese einsamen Zeltspots sind lediglich mit einfachen hölzernen Zeltplattformen und Plumpsklos ausgestattet. Zudem gibt es tiefer im Wald einige rustikale, per Holzofen beheizbare Wanderhütten und ein Bunkhouse bei Eatonville, die man im Voraus buchen muss.

Da es sich um ein sensibles Ökosystem und echten Bären-Lebensraum handelt, gilt im gesamten Backcountry das strikte Pack-in/Pack-out-Prinzip, das beseutet jeder Müll muss wieder mitgenommen werden. Die Anmeldung im Haupt-Besucherzentrum bei Red Rocks ist für alle Mehrtages-Wanderer obligatorisch.








Three Sisters

Für Tagesausflügler mit dem Camper ist der Park dennoch ein fantastisches Ziel. Der Hauptzugang erfolgt über das moderne Besucherzentrum bei Red Rocks in der Nähe von Advocate Harbour. Hier stellt man das Fahrzeug auf dem großen, kostenfreien Parkplatz ab, registriert sich aus Sicherheitsgründen bei den Rangern und kann von dort aus Kurzwanderungen unternehmen. Geöffnet ist der Park für Tagesgäste und Wanderer jedes Jahr von Mitte Mai bis Mitte Oktober.

Um die berühmte Felsformation der Three Sisters als Tagesausflug zu erreichen, mussten wir das Haupt-Besucherzentrum bei Red Rocks wieder verlassen und einmal quer über die Halbinsel zum nördlichen, komplett isolierten Parkareal fahren. Die Strecke führt über die unbefestigte Eatonville Road, die sich über rund 11 Kilometer als schmale, holprige Schotterpiste durch die dichten Wälder zieht. Auch hier war die Fahrt mit unserem Truck-Camper ein kleines Geduldsspiel, da tiefe Schlaglöcher und grober Schotter uns zwangen, sehr langsam und vorausschauend zu fahren. Schließlich erreichten wir den Parkplatz der Eatonville Day Use Area, den eigentlichen Ausgangspunkt für die Wanderung.

Der dortige Eatonville Three Sisters Trail ist ein rund 5,5 Kilometer langer Rundweg, der im krassen Gegensatz zu den anspruchsvollen Backcountry-Pfaden des Parks hervorragend ausgebaut, recht flach und sehr angenehm zu laufen ist. Der Weg führt durch urige, moosbewachsene Nadelwälder und lichte Abschnitte, bis man die dramatische Klippenkante erreicht. Am Anfang im Wald sahen wir sogar eine kleine Strumpfbandnatter (Thamnophis sirtalis) auf dem Weg. Sie ist die am weitesten verbreitete Schlangenart in Nova Scotia, völlig ungiftig und ernährt sich hauptsächlich von Insekten, Fröschen und Regenwürmern. Sie sind aber sehr scheu und auch dieses kleine Exemplar schlängelte sich schnell ins nahe Gebüsch. Wenn man fest auftritt spüren sie die Vibrationen und flüchten meist schon, bevor man sie überhaupt zu Gesicht bekommt. Das wir sie hier noch einmal sehen konnten, war ein toller Moment.

Es gab einige kleine Vögel zu beobachten und auf einem Margeritenfeld entdeckten wir einen Yellow Velvet Beetle oder Gelber Samtbock und eine jagende Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) mit Beute.

Über perfekt platzierte, hölzerne Aussichtsplattformen wird man mit einem atemberaubenden Blick belohnt. Von einer der Plattformen des Trails, dem Eatonville Harbour Observation Deck, blickt man direkt auf die Mündung des Eatonville Brook und den dortigen, völlig isolierten Kieselstrand, der historisch im 19. Jahrhundert als Schiffswerft für hölzerne Segelschiffe genutzt wurde. Heute ist nichts mehr von der damaligen Bebauung zu erkennen.

Bei einem anderen Aussichtspunkt sahen wir dann einen langen Felsen über der Brandung und etwas weiter dann auch die namensgebenden Felsformationen für diesen Trail. Tief unter uns ragten die drei markanten, schroffen Felsnadeln der "Drei Schwestern" majestätisch aus dem Wasser der Chignecto-Bucht empor. Leider bei unserem Besuch voll im Gegenlicht.

Eigentlich wollten wir noch zu den Joggins Fossil Cliffs weiter im Norden, sie gelten als die weltweit beste Fundstätte für Fossilien aus dem Kohlezeitalter Karbon. Durch die extremen Gezeiten der Bay of Fundy werden dort bei jeder Flut neue, Jahrmillionen alte Pflanzen- und Tierspuren aus den Klippen gespült. Das haben wir leider nicht mehr geschafft an diesem Tag, ein tolles Ziel, das man sich definitiv für eine nächste Reise aufsparen kann! Der Weg zurück in den Five Islands Provincial Park war im Inland leider geprägt von langen Baustellen mit Wartezeiten, dort warteten vor der Teermaschine etwa 30 große Trucks mit ihrer Ladung, dass sie an die Reihe kamen. Die zu erneuernden Straßen sind halt sehr lang hier. Ein Stück weiter hatte es einem Unfall gegeben. In einer engen und schrägen Kurve war einer dieser Lastwagen umgekippt, wir wurden noch knapp vorbei geleitet, bis sich hinter uns die großen dreiachsigen Abschleppwagen an die Arbeit machten und die Straße erstmal komplett gesperrt wurde.

Ehemaliger Hafen











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