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PORT ROYAL

Annapolis Royal zählt zu den historisch bedeutsamsten und malerischsten Orten auf dem nordamerikanischen Kontinent. Gelegen an jener Stelle, an der der Annapolis River in den natürlichen Hafen des weitläufigen Annapolis Basin mündet, weist das beschauliche Städtchen eine ereignisreiche Historie auf, die bis in den Beginn des 17. Jahrhunderts zurückreicht. Schon im Mai waren wir hier und haben uns den Ort und Fort Anne angesehen.

Leider hatten wir damals keine Zeit mehr für das nahe gelegene Port Royal, aber das haben wir dann bei unserem zweiten Besuch Ende Juni nachgeholt – nachdem wir nach dem Unfall noch zwei Wochen statt in Neufundland in Nova Scotia verbringen mussten.

Die Wiege des französischen Nordamerikas liegt versteckt an den ruhigen Ufern des Annapolis Basin in Nova Scotia. Wer heute die Port-Royal National Historic Site besucht, begibt sich auf eine Zeitreise in das frühe 17. Jahrhundert. Es ist die detailgetreue Rekonstruktion einer der ersten dauerhaften europäischen Siedlungen nördlich von Florida, die Besuchern die Härte, den Pioniergeist und die komplexen Begegnungen der Kolonialgeschichte dokumentiert.

Die historische Stadt Annapolis Royal dient als perfekter Ausgangspunkt. Von hier aus überquert man den Annapolis River via Highway 1. Direkt nach der Brücke biegt man links auf die Granville Road ab. Dieser landschaftlich reizvollen Küstenstraße folgt man für etwa 11 Kilometer in westlicher Richtung direkt bis zum gut ausgeschilderten Parkplatz vor der historischen Stätte.

Das Areal wird von der staatlichen Behörde Parks Canada verwaltet und ist in der Regel von Mitte Mai bis zum Erntedankfest Anfang Oktober für den Publikumsverkehr geöffnet. Der Eintritt ist für Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren kostenlos, Erwachsene und Senioren zahlen eine moderate Gebühr von ca. 5 bis 7 CAD, und mit dem nationalen Jahrespass ist der Eintritt frei.

Vor Ort gibt es ein kleines Besucherzentrum mit Toiletten, einem kleinen Souvenirladen und einführende Informationstafeln. Die Anlage ist teilweise barrierefrei; die historischen Gebäude weisen jedoch aufgrund der originalgetreuen Bauweise hohe Türschwellen und unebene Böden auf.

Vom Ufer der Anlage bietet sich ein grandioser, fast unveränderter Blick auf das Annapolis Basin, der erahnen lässt, warum die Franzosen genau diesen Ort wählten. Bänke und Stühle laden zum Entspannen am Wasser ein.

Nachdem ein erster Kolonisierungsversuch der Franzosen im Jahr 1604 auf der unwirtlichen Insel Île Sainte-Croix, an der heutigen Grenze zwischen Maine und New Brunswick, aufgrund eines mörderischen Winters und des Ausbruchs von Skorbut gescheitert war, suchte die Expedition nach einem besseren Standort. Im Sommer 1605 verlegten der Expeditionsleiter Pierre Dugua, Sieur de Mons, und sein Geograf Samuel de Champlain die Siedlung an die geschützte Nordküste des Annapolis Basin. Sie nannten den Ort Port Royal, was den Beginn der französischen Kolonie Akadien markierte.

Als königlicher Geograf war Samuel de Champlain einer der genauesten Kartografen seiner Zeit. Zu seinen echten Meisterleistungen gehört die erste hochpräzise Küstenkarte des Atlantiks von Neufundland bis hinunter nach Cape Cod.

Obwohl Port Royal primär ein Handelsposten war, entwickelte sich hier eine bemerkenswerte kulturelle Dynamik. Champlain hatte eine geniale Idee: den "Order of Good Cheer". Um den tödlichen Winterblues und den Skorbut zu bekämpfen, gründete er den ersten gesellschaftlichen Club Nordamerikas. Jeden Abend war ein anderer Mann an der Reihe, ein Festmahl mit frischem Wildbret und Theateraufführungen zu organisieren – Zusammenhalt als Überlebensstrategie! Hilfreich war auch die enge und freunschaftliche Zusammenarbeit mit den Stämmen der Mi'kmaq der Umgebung, welche stählerne Äxte und Messer im Tausch gegen Felle zu schätzen wussten.

Im Jahr 1606 verfasste Marc Lescarbot hier das Theaterstück "Le Théâtre de Neptune", das direkt im Hafenbecken aufgeführt wurde; es war die erste europäische Theaterproduktion in Nordamerika. Später folgten Champlains detaillierte Vermessungen des Sankt-Lorenz-Stroms sowie die Kartografierung des nach ihm benannten Lake Champlain und Teilen der Großen Seen.

Die wirtschaftlichen Grundlagen der Kolonie gerieten ins Wanken, als König Heinrich IV. im Jahr 1607 das Handelsmonopol von Sieur de Mons aufhob. Die Siedler mussten vorübergehend nach Frankreich zurückkehren und übergaben die Anlage in die Obhut von Häuptling Membertou. 1610 kehrten die Franzosen unter Jean de Biencourt de Poutrincourt zurück.

Das friedliche Leben endete jäh im Jahr 1613. Ein englisches Kriegsschiff aus Virginia unter Kapitän Samuel Argall segelte in die Bucht. Die Siedlung war fast unbewacht, und die Engländer brannten die gesamte Habitation bis auf die Grundmauern nieder. Es war der erste brutale Vorbote des jahrhundertelangen Kampfes zwischen Frankreich und England um den Kontinent.

Die Engländer beanspruchten das gesamte Gebiet für die britische Krone. Die Franzosen gaben die Region jedoch nicht auf, sondern verlagerten ihr Zentrum ab 1632 einige Kilometer flussaufwärts auf die Südseite des Flusses, an den Ort des heutigen Annapolis Royal, wo Fort Anne errichtet wurde. Doch der Geist von 1605 blieb lebendig.

In den folgenden 150 Jahren wechselte Akadien im Zuge der europäischen Kolonialkriege mehr als ein Dutzend Mal den Besitzer zwischen Frankreich und England, bis es 1713 im Vertrag von Utrecht endgültig britisch wurde.








Die Habitation

Das Herzstück der Anlage ist die Habitation, die französische Bezeichnung für Wohnstätte oder Niederlassung. Es handelt sich bei dem im Jahr 1939 wiederaufgebauten, vierflügeligen Gebäudekomplex um eine historisch akkurate Rekonstruktion dere damaligen Anlage, die man durch ein historisches Tor betritt. Der geschlossene Innenhof schützte die Siedler einst vor dem rauen Winter und potenziellen Angreifern.

Dass man die Habitation heute besichtigen kann, ist einer der frühesten Bewegungen für Denkmalschutz in Kanada zu verdanken. In den 1930er Jahren nutzten Historiker und Bürger die originalen Pläne und detaillierten Tagebuchaufzeichnungen von Samuel de Champlain, um die Siedlung exakt an der historischen Originalstätte zu rekonstruieren. 1941 wurde das rekonstruierte Port Royal schließlich als nationale historische Stätte für die Öffentlichkeit freigegeben.

Besucher können die verschiedenen Bereiche der hölzernen Festung frei erkunden; Zimmer gibt es sowohl im Erdgeschoss als auch in der ersten Etage. Die geräumigste Unterkunft ist das Haus des Gouverneurs, in dem hochrangige Persönlichkeiten wie Sieur de Mons und Samuel de Champlain lebten. Eine voll ausgestattete Schmiede und eine Fassbinderei zeigen, wie überlebenswichtige Werkzeuge und Vorratsbehälter direkt vor Ort hergestellt wurden.

Die Küche und die Bäckerei sind mit einem mächtigen Steinofen ausgestattet, in dem das tägliche Brot gebacken wurde. Dazu hat man hier allerlei Alltagsgegenstände aus jener Zeit zusammengetragen, sodass sich Besucher das damalige Leben besser vorstellen können. Wenn man Glück hat und gerade keine größere Reisegruppe oder kein Bus vor Ort ist, hat man genügend Zeit und Platz, um in Ruhe durch die Räume zu schlendern. Bei unserem Besuch saß in einem der Räume eine junge Frau, die Pergament und Leder zu Büchern zusammenband.

Im Handwerker- und Soldatenquartier kann man Gemeinschaftsschlafräume mit einfachen Holzpritschen besichtigen, die einen Eindruck vom harten Alltag der einfachen Männer vermitteln. Die Betten waren jeweils für zwei Personen gedacht – viel Platz gab es hier nicht.

Im Pelzlager und Handelszentrum wurden die wertvollen Felle gelagert, die das eigentliche wirtschaftliche Fundament der Kolonie bildeten. Das Überleben der französischen Siedler hing in den ersten Jahren am seidenen Faden und wäre ohne die Hilfe der einheimischen Mi'kmaq unmöglich gewesen. Unter der Führung ihres weisen Häuptlings Membertou entwickelten die Franzosen und die First Nations eine außergewöhnliche, von gegenseitigem Respekt geprägte Beziehung.

Die Mi'kmaq brachten den Europäern bei, wie man im kanadischen Winter überlebt, jagt und Skorbut mit regionalen Pflanzen – wie einem Sud aus Fichtennadeln – heilt. Im Gegenzug handelten die Franzosen mit europäischen Gütern und Metallwaren. In den Räumen sind gegerbte Felle mit indigenen Zeichnungen ausgestellt. Hier ist Anfassen ausdrücklich erlaubt und man kann die verschiedenen Felle betasten, die hier hängen: Bär, Wolf, Biber, Waschbär, Elch und viele andere. Ganz besonders weich war das Wieselfell.

Überraschend für waren auch die in den Palisaden eingebauten kleinen Schiffskanonen, die üblicherweise auf Handelsschiffen ohne Kanonendeck schwenkbar auf der Reling montiert waren. Zwar kleine Kaliber, aber als Hinterlader mit wechselbaren Kartuschen für die Ladung konstruiert. Eine kleine Recherche erhellte unsere Unkenntnis: Ähnliche Konstruktionen waren schon vor 1400 bekannt und im Einsatz, belegt durch historische Gemälde wie z.B. die Belagerung von Reims 1360 durch Edward III., bei Wikipedia findet sich ein Bild exakt des hier verbauten Typs von 1410.













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