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LONG ISLAND

Der Digby Neck ist eine extrem schmale, rund 30 Kilometer lange Landzunge, die sich vom Fischerort Digby aus wie ein dünner Finger nach Südwesten in den Atlantik erstreckt. Sie trennt die stürmische, offene Bay of Fundy im Norden von der geschützteren St. Mary’s Bay im Süden. Die Halbinsel ist selten breiter als fünf Kilometer und wird der Länge nach komplett von der Route 217 durchlaufen.

Geologisch ist der Digby Neck die direkte Fortsetzung der North Mountain Gebirgskette, die das fruchtbare Annapolis Valley gegen den Ozean abschirmt. Die gesamte Halbinsel besteht aus zwei gewaltigen, übereinandergelagerten Schichten aus jurassischem Basalt. Diese dunklen Lavamassen erkalteten vor rund 200 Millionen Jahren beim Auseinanderbrechen des Urkontinents Pangea.

Durch die unaufhaltsame Erosionskraft der Gezeiten und Frostaufbrüche bildeten sich die markanten, vertikalen Gesteinssäulen aus, die heute für die gesamte Region charakteristisch sind.

Am späten Vormittag erreichten wir von Digby aus das Ende der Landzunge bei East Ferry, von wo aus wir mit der kleinen, kostenfreien Autofähre in nur fünf Minuten über die Strömung der Petit Passage nach Tiverton auf Long Island übersetzten.

Unser erstes Ziel, um uns etwas zu bewegen, war der berühmte Balancing Rock Trail, eine Basaltsäule, die man auf einem rund 2,5 Kilometer langen Weg erreicht. Der Pfad ist fantastisch angelegt und führt zunächst als bequemer Schotterweg, später über perfekt gepflegte Holzstege mitten durch ein uriges, dicht bewaldetes Feuchtgebiet.

Die Natur hier wirkte fast verwunschen: Überall zwitscherten kleine Waldvögel im dichten Blätterdach, was den Spaziergang umso interessanter machte. Wir haben es geschafft, trotz dichten Grüns mit etwas Geduld einige davon zu fotografieren. Die Region um Digby Neck liegt auf einer der wichtigsten nordamerikanischen Vogelzugrouten, dem Atlantic Flyway. Vor allem im Juni wimmelt es in den Büschen von kleinen, farbenfrohen Waldsängern (Warblers) wie dem Yellow Warbler oder der Black-capped Chickadee, der kanadischen Meise.

Besonders fasziniert hat uns auf diesem Abschnitt auch die ungewöhnliche Flora des Moores. Rechts und links des Holzstegs stießen wir immer wieder auf die riesigen, saftig grünen Blätter des Skunk Cabbage, auf Deutsch Gelbe Schein- oder Stinktierwurz. Diese urzeitlich anmutende Pflanze verdankt ihren Namen einem extrem strengen, knoblauch- und skunkähnlichen Geruch, den sie verströmt, sobald man ihre Blätter verletzt. Das ist eine clevere Strategie der Natur, um hungrige Pflanzenfresser im Frühjahr auf Abstand zu halten.

Hier auf Nova Scotia haben wir diese Pflanze zum ersten Mal gesehen, kannten sie aber noch vom Revelstoke Nationalpark in British Columbia. Auch dort gibt es einen nach der Pflanze benannten Weg, den wir zweimal besucht haben: Skunk Cabbage Trail im Regen und Skunk Cabbage Trail im Sonnenschein. Das Kuriose: Die Pflanze besitzt die seltene Fähigkeit zur Thermogenese, sie kann im Spätwinter bis zu 20 °C Eigenwärme erzeugen, so den umliegenden Schnee buchstäblich wegschmelzen um als eine der ersten Pflanzen im Frühjahr zu blühen.

Nach diesem idyllischen und ebenen Gang vorbei am Moor änderte sich die Landschaft abrupt, als wir die dramatische Südküste der Insel erreichten. Hier verwandelte sich der flache Pfad in eine steile, hölzerne Klippentreppe mit 235 Stufen, die uns spektakulär den steilen Abgrund hinabführte. Das anschließende Treppensteigen im feuchtwarmen und an diesem Tag sonnigen Küstenklima trieb uns zwar den Schweiß auf die Stirn, doch der Blick von der unteren Aussichtsplattform entschädigte für jede einzelne Stufe.

Direkt vor uns, an der rauen Kante der St. Mary’s Bay, ragte der monumentale Balancing Rock empor. Diese gut neun Meter hohe und über 20 Tonnen schwere, perfekt sechseckige Basaltsäule steht völlig frei auf einem winzigen Felsvorsprung und scheint der Schwerkraft auf magische Weise zu trotzen. Man kann sich kaum vorstellen, dass diese filigrane Nadel vor über 200 Millionen Jahren durch erstarrende Lavaströme beim Auseinanderbrechen des Superkontinents Pangea geformt wurde und seither jedem herbstlichen Atlantiksturm und den brutalen Gezeiten der Bay of Fundy trotzt. Leider lag das Teil bei unserem Besuch etwas im Gegenlicht; da gibt es für Fotografen sicher bessere Zeiten für einen Besuch.

Nach einer ausgiebigen Fotopause machten wir uns an den schweißtreibenden Aufstieg der 235 Stufen und fuhren dann weiter zum gebuchten Stellplatz.








Whale of a Time Campground

Da wir den zweiten Camper in Halifax nach dem Unfall in Newfoundland in der Hochsaison Ende Juni/Anfang Juli übernommen haben, waren wir etwas planlos unterwegs. Stellplätze waren besonders an den Wochenenden in den Provincial Parks oft ausgebucht; dazu kamen noch Feiertage wie der Vatertag, der Canada Day und der Nationalfeiertag der US-amerikanischen Nachbarn. Da konnten wir nicht abschätzen, ob und wo ausgebucht ist. Daher haben wir auf Long Island dann für 3 Tage einen Stellplatz vorgebucht, weil wir Waltouren machen wollten.

Der Whale of a Time Campground liegt in der kleinen, malerischen Ortschaft Freeport auf Long Island, direkt an der Route 217. Er ist der perfekte, urige Stützpunkt, um nach der Wanderung zum Balancing Rock anzukommen und am nächsten Morgen die Fähre zur Nachbarinsel Brier Island nach Westport direkt um die Ecke zu haben. Ein kleinerer, sehr naturnaher Campingplatz mit Stellplätzen für Zelte und Wohnmobile.

Der familiär geführte Platz liegt idyllisch am Rande des beschaulichen Fischerdorfs Freeport, fast am westlichsten Zipfel von Long Island. Die Betreiber leben vor Ort, es gibt einen kleinen Ententeich und eine herrliche Hanglage. Die Zufahrte ist ziemlich steil, das hat aber auch größere Gespanne nicht abgeschreckt. Es war gar nicht viel los hier; nur am ersten Tag waren ca. 6 Wohnmobile da, an einigen Tagen sahen wir nur noch drei weitere etwas weiter unterhalb. Den Zeltplatz viel weiter unten am Ufer sieht man aufgrund der steilen Lage gar nicht, wenn man nicht oben bis zum Rand des Abhangs läuft.

Es gibt ab Stellplatz 2 auf dem Bergrücken einen kurzen Wanderpfad mit Aussichtsplattformen und nur ein paar Minuten vom Campingplatz entfernt liegt der historische Beautiful Cove Park.

Man blickt von den Stellplätzen direkt auf das raue Wasser der Grand Passage und kann in der Ferne bereits die Silhouette der Nachbarinsel Brier Island mit einem der Leuchttürme erkennen. Mit 51,2 CAD pro Nacht war es hier für einen Stellplatz ohne Strom zwar recht teuer, aber dafür gab es Duschen, Toiletten, Feuerholz wurde gegen Gebühr direkt an den Camper geliefert und der Blick war magisch.

Wir waren für den etwas engen Platz Nummer 10 eingetragen, konnten uns aber auch ganz oben auf die Nummer 1 stellen. Das Angebot nahmen wir gerne an, denn hier genießt man die salzige Luft, den weiten Blick über die Küstenlandschaft und schläft abends beim beruhigenden Rauschen des Windes ein.

Der Platz hatte mehrere Vorteile: Auf der einen Seite blickt man über den Ort Freeport mit Sonnenaufgang, auf der anderen Seite geht hinter dem Leuchtturm die Sonne unter. Hier erlebten wir die schönsten Sonnenuntergänge der gesamten Reise. Am Himmel zeigten sich viele Kondensstreifen von überquerenden Flugzeugen.

Außerdem hatte man hier, wie auch auf dem benachbarten Platz Nummer 2, guten WLAN-Empfang vom darunter liegenden Office, wobei diese beiden Plätze eigentlich für längere Trailer gedacht sind.

Das direkt an den Campingplatz angrenzende Dorf Freeport ist ein absolutes Paradebeispiel für ein verschlafenes, kanadisches Küstenstädtchen. Es gibt einen malerischen Hafen, wo die bunten Hummerboote an den hölzernen Piers vertäut liegen und bei Ebbe meterhoch im Schlick trockenfallen. Hier ticken die Uhren spürbar langsamer. Wir hatten vor, uns eine Pizza im örtlichen Laden zu holen; leider gab es die nur an bestimmten Tagen und nicht nach 16:00 Uhr. Also haben wir dann lieber selbst gekocht.

Freeport ist zudem der perfekte Ausgangspunkt für Walbeobachtungstouren, da sich in den nährstoffreichen Gewässern vor der Küste im Sommer unzählige Buckelwale, Finnwale und Zwergwale tummeln.

Campingplatz Office









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