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SCHLICKSPAZIERGANG

Im schönen Blomidon Provincial Park haben wir bereits im Mai zwei Nächte auf dem Campingplatz verbracht. Zu dieser Zeit haben wir eine Wanderung im gerade erwachenden Frühlingswald gemacht. Natürlich waren wir auch an den Stränden – darüber habe ich eine eigene Seite geschrieben: Strände bei Blomidon.

So sahen wir den Strand unterhalb des Provincial Parks einmal bei Flut und dann noch einmal am Morgen im Nebel. Daher konnten wir nicht auf dem Meeresboden laufen, doch das Schicksal bescherte uns nach unserem Unfall auf Neufundland noch zwei weitere Wochen in Nova Scotia.

Diesmal waren wir im Juni vor Ort und hatten wieder den Campground im Provincial Park gebucht. Und an diesem Tag stimmte auch das Wetter: Strahlend blauer Himmel und wir kamen genau richtig zur Ebbe an, sodass wir endlich mal ausgiebig auf dem Meeresboden im Schlick wandern konnten.

Das kann man mit Crocs machen, die waren uns aber zu rutschig; wir hatten die Wanderschuhe an. Ein Spaziergang unterhalb der monumentalen roten Klippen von Blomidon gleicht dem Betreten einer verborgenen und immer wieder zeitlich begrenzten Welt. Wenn sich das Wasser der Bay of Fundy kilometerweit zurückzieht, gibt es einen Meeresboden frei, der nur wenige Stunden zuvor noch tief unter den Wellen des Atlantiks lag. Eine Treppe führt zum Kieselstrand und der nächste Schritt führt hinein in eine Landschaft, die von der unbändigen Dynamik der Gezeiten geformt wurde.

Die markanten, rötlichen Steilufer bestehen aus weichem Sandstein und urzeitlichen Sedimentschichten, die stark eisenhaltig sind. Durch den extremen Tidenhub, der hier an der Bay of Fundy bis zu 14 Meter erreichen kann, sind diese Klippen einer ständigen Erosion ausgesetzt. Das Wasser unterspült den Fuß der Felsen, wodurch immer wieder frisches, rotes Material nachbricht und den umliegenden Strand sowie das Wasser färbt.

Am Fuß dieser Klippen erstreckt sich das weite Watt. Der noch nasse, glänzende Schlick liegt wie ein riesiger Spiegel vor einem; auf der feuchten Oberfläche reflektieren sich die roten Felswände fast perfekt, was dem Raum eine beinahe unwirkliche Tiefe verleiht. In den flachen, verbliebenen Gezeitenpools steht immer noch etwas Wasser. Zum Glück ist es zum größten Teil recht fester Sand, wir sind hier nicht so tief eingesunken wie auf der gegenüberliegenden Seite im Five Islands Provincial Park.

Der Blick nach oben öffnet sich in die Weite des Himmels, wo die heimische Tierwelt die Thermik über den Klippen nutzt. Möwen segeln im Wind, während sie nach freigelegten Leckerbissen auf dem Meeresboden Ausschau halten.

Weiter oben, fast majestätisch und ruhig, schweben Truthahngeier. Mit ihren breit gefächerten Schwingen nutzen sie die warmen Aufwinde der roten Steilküste, um lautlos entlang der Steilküste zu patroullieren. Mit einer Spannweite von fast zwei Metern sind sie lautlos unterwegs. Im Gegensatz zu den meisten anderen Vögeln besitzen Truthahngeier einen hochentwickelten Geruchssinn. Sie können die Gase, die bei der Zersetzung von organischem Material entstehen, über kilometerweite Entfernungen selbst im dichten Wald oder über dem Schlickbett riechen.

Hier zu laufen ist ein Moment absoluter Ruhe und Weite; außer uns war an diesem Montag nur eine Handvoll anderer Menschen vor Ort.

An den Wochenenden ist es hier voller. Dann kommen die Einheimischen gerne zum Picknick oder mit ihren Hunden an den Strand und sitzen unter den kleinen Wasserfällen, die an einigen Stellen die Steilküste hinunterrieseln.








Nasser Lebensraum

Der freigelegte Schlick wirkt auf den ersten Blick wie eine leblose Schlammwüste, ist jedoch ein extrem produktiver Lebensraum. Der schwere, feine Sedimentschlamm schützt die dort lebenden Organismen vor dem Austrocknen, während die Sonne den Boden erwärmt. Hier pulsiert das Leben im Miniaturformat – man muss nur ganz genau hinsehen.

In den seichten Wasserläufen, die sich ihren Weg zurück zum Meer bahnen, wimmelt es von winzigen Lebewesen, die flink über den sandigen Grund huschen; bei der geringsten Erschütterung graben sie sich blitzschnell in den schützenden, nassen Sand ein. Es handelt sich meist um Corophium volutator, winzige, hummer- oder garnelenähnliche Schlickkrebse. Sie graben U-förmige Röhren in den Schlamm und leben dort in riesigen Kolonien mit bis zu zehntausenden Tieren pro Quadratmeter. Sie sind das biologische Fundament der Bucht und dienen unzähligen Zugvögeln als Hauptnahrungsquelle.

Auf den schlammigen Flächen und an den Algen der tiefer gelegenen Steine kriechen Millionen winziger Schlickschnecken (Mud Snails). Sie weiden den Algenfilm und organische Reste vom Meeresboden ab und hinterlassen dabei filigrane Spuren im roten Schlamm, während ihre feuchten Gehäuse im Sonnenlicht glänzen.

Im Schlamm vergraben leben unsichtbar Abermilliarden von Muscheln. Sie filtern bei Flut Nahrung aus dem nährstoffreichen Wasser und ziehen sich bei Ebbe tief in den feuchten Schlick zurück, wo sie nur kleine Löcher an der Oberfläche hinterlassen.

Ein Spaziergang auf diesem Meeresboden ist ein Erlebnis für Naturfotografen und Meeresbiologen gleichermaßen, erfordert wegen der extrem schnell zurückkehrenden Flut jedoch immer einen genauen Blick auf den Gezeitenkalender.

Muscheln und Seetang











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