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SHELBURNE

Nachdem wir von Long Island und Brier Island kommend über Digby die Westküste von Nova Scotia umrundet hatten, mit einigen Stopps an Leuchttürmen und schönen Stränden, erreichten wir unser Tagesziel. Mehr zu dieser Fahrt auf der Seite Im Westen von Digby nach Yarmouth.

Es war Wochenende und vorab fast alles ausgebucht; einige Tage zuvor hatten wir noch einen der letzten Plätze im The Islands Provincial Park bei Shelburne gebucht.

Dieser kleine Park liegt gegenüber von Shelburne Harbour und bietet eine ganz andere Küstenlandschaft als die offenen Atlantikklippen bei Yarmouth. Statt rauer Brandung findet man hier geschützte Buchten, kleine Inseln und eine ruhige maritime Atmosphäre mit Wasservögeln und der Möglichkeit, an vielen Stellen ein Boot zu Wasser zu lassen.

Der Park ist besonders bei Kanufahrern, Kajakern und Naturliebhabern beliebt und bietet eine große Fläche für Tagesbesucher mit Toiletten und zahlreichen Picknickstellen.

Als wir an unserem Stellplatz ankamen, traf uns fast der Schlag: Es herrschten hier bis zu 32 Grad. Was für eine Umstellung, am Morgen waren wir noch bei angenehmen 21 Grad am Digby Neck gestartet! Unser Stellplatz befand sich kurz hinter dem Eingang zum Provincial Park an der Zufahrt zur day-use-area. Schräg gegenüber lagen in einem recht neuen Gebäude acht sehr geräumige Waschräume mit Duschen und Toiletten, die privat zu nutzen waren. So kamen natürlich alle bei uns vorbei, die Duschwilligen udn die Tagesbesucher. Daher war unser Platz wohl noch frei gewesen...

Doch die Lage hatte auch Vorteile: Der Platz war sehr schattig, ideal bei der Hitze. Wir schauten aufs Wasser und hatten nur einen weiter entfernten Nachbarn, der sehr nett war. Gegenüber im Wald auf der anderen Straßenseite gab es noch einen Picknickplatz mit Überdachung, den wir auch gut nutzen konnten.

Den nächsten Tag verbrachten wir dann nur mit kurzen Spaziergängen und Erholung; nach der Akklimatisierung in Neufundland fanden wir die Hitze auf einmal unerträglich. Zu Hause in Köln waren es gerade über 40 Grad, also hatten wir es immer noch besser.

Die Landschaft rund um den Park wurde stark durch die Eiszeit geprägt. Vor etwa 10.000 Jahren bewegten sich gewaltige Gletscher über Nova Scotia, schliffen den Untergrund ab und hinterließen große Granitblöcke, sogenannte glacial erratics. Diese Findlinge liegen heute zwischen den Bäumen und auf den Campingplätzen und geben dem Park seinen besonderen Charakter. Nach dem Abschmelzen des Eises stieg der Meeresspiegel an und formte den langgezogenen Shelburne Harbour mit seinen zahlreichen Inseln und geschützten Wasserwegen.

Der Name des Parks passt perfekt zu seiner Umgebung: Vor der Küste liegen zahlreiche kleine Inseln, die den Naturhafen von Shelburne schützen. Von verschiedenen Stellen im Park ergeben sich schöne Blicke über das Wasser und auf die gegenüberliegenden Inseln. Besonders am frühen Morgen oder am Abend wirkt die Landschaft mit den spiegelnden Wasserflächen und den bewaldeten Ufern sehr idyllisch.

Auch geschichtlich ist diese Region sehr interessant. Die kleine Hafenstadt Shelburne liegt direkt gegenüber vom Provincial Park an der Südwestküste Nova Scotias und besitzt eine ungewöhnlich bewegte Geschichte. Der geschützte Naturhafen Shelburne Harbour zog schon früh Fischer und Händler an, doch seine große Bedeutung begann erst nach der Amerikanischen Revolution.








Heritage Historic District

Nach dem Ende des Krieges zwischen den amerikanischen Kolonien und Großbritannien kamen ab 1783 Tausende von sogenannten Loyalisten nach Nova Scotia. Diese Menschen hatten während des Konflikts auf der Seite der britischen Krone gestanden und mussten nach dem Sieg der amerikanischen Revolutionäre ihre Heimat verlassen. Viele von ihnen suchten Zuflucht in den britischen Kolonien im Norden.

Am Shelburne Harbour entstand ab 1783 eine neue Siedlung, die nach dem britischen Premierminister William Petty, dem Earl of Shelburne, benannt wurde. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich der Ort zu einer der größten britischen Siedlungen in Nordamerika. Zeitweise lebten hier mehr als 10.000 Menschen; das waren mehr als in Halifax zu dieser Zeit.

Die ersten Jahre waren jedoch schwierig. Die Neuankömmlinge hatten große Erwartungen an ihre neue Heimat, doch viele erhielten weniger Land und Unterstützung als erhofft. Außerdem gab es Spannungen mit den bereits ansässigen Mi'kmaq sowie mit den früheren Bewohnern der Region. Arbeitsplätze waren knapp, und viele Loyalisten verließen Shelburne schon nach wenigen Jahren wieder.

Ein weiterer Konflikt entstand durch die Ankunft von Tausenden ehemals versklavter Menschen afrikanischer Herkunft, die ebenfalls als Loyalisten nach Nova Scotia kamen. Einige siedelten sich in Shelburne an, andere gründeten die nahegelegene Gemeinschaft Birchtown, die zeitweise die größte Ansiedlung freier Schwarzer außerhalb Afrikas war. Birchtown wurde 1997 zur National Historic Site of Canada erklärt. Im Juni 2015 eröffnete dort das Black Loyalist Heritage Centre ein hochmodernes Museum zum Gedenken an die Schwarzen Loyalisten.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Shelburne vor allem durch Schiffbau, Fischerei und Handel. Die Lage am geschützten Hafen war ideal für den Bau großer Holzschiffe. Während der Blütezeit des Holzschiffbaus entstanden hier zahlreiche Werften, und die Stadt war eng mit dem Handel über den Atlantik verbunden. Mit dem Übergang von Holzschiffen zu Dampfschiffen verlor Shelburne zunehmend an Bedeutung. Aber die Fischerei blieb weiterhin wichtig und prägt die Region bis heute.

Ein Rundgang durch den gepflegten Ort lohnt sich sehr, denn heute erinnern hier noch viele historische Gebäude, alte Kapitänshäuser und das restaurierte Hafenviertel an die Vergangenheit der Stadt. Für Fotografen ist der Shelburne Heritage Historic District sehr interessant; einige Häuser werden noch restauriert. Das ganze Stadtbild vermittelt noch immer einen Eindruck davon, wie diese Stadt im 18. und 19. Jahrhundert ausgesehen haben muss.

Besonders sehenswert sind die alten Holzhäuser entlang der Uferstraße und die Museen, die von der Zeit der Loyalisten und des Schiffbaus erzählen. Man hat schönen Rasen angelegt, auf dem rostige Anker stehen und Bänke zum Entspannen einladen. Vom Pier aus entdeckten wir die einzige Qualle im Wasser, die wir auf dieser Reise sahen.

An den Straßenlaternen hingen im Sommer Blumentöpfe mit blühenden Petunien – sicher eine anspruchsvolle Aufgabe, diese bei 30 Grad täglich zu gießen. Da wir am Morgen vor Ort waren, war noch nicht so viel los und die wenigen Cafés und Restaurants hatten noch geschlossen.













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